"Die Grünen sind ja gegen alles"

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Foto: christandl jürg Frühmorgendlicher Stau in Groß-Enzersdorf.

Während Aktivisten das Projekt stoppen wollen, hoffen Anrainer auf Verkehrsentlastung.

Hier verbrennt Ihr Steuergeld“, war auf den Transparenten von Bürgerinitiativen und Greenpeace-Aktivisten zu lesen, die zuletzt in Wien gegen den Ausbau der Wiener Nordostumfahrung (S1) protestierten.

Der Anlass für die Aktion: Derzeit läuft die UVP für den 1,8 Milliarden teuren und 19 Kilometer langen Lückenschluss zwischen Schwechat und Süßenbrunn. Dazu gehört auch die umstrittene Untertunnelung der Lobau (siehe Grafik). Der nördliche Abschnitt soll 2016 eröffnet werden.

… Foto: christandl jürg Tunnel-Gegner befürchten Beeinträchtigung der Au Während Greenpeace von einem „Wahnsinn“ und einem „unnötigen Straßenprojekt“ spricht und auch die Wiener Grünen den Bau noch verhindern wollen, ist man in den betroffenen Gemeinden gelassener. Das zeigt ein KURIER-Lokalaugenschein in Groß-Enzersdorf.

„Man hätte die Umfahrung schon vor 20 Jahren bauen sollen“, sagt etwa Josef Nejedly, während gerade wieder ein Sattelschlepper auf der Hauptstraße vorbeidonnert. „Wir haben hier schon sehr viel Verkehr.“ Besonders in den frühen Morgenstunden ist die Ortschaft mit Pkw und Schwerverkehr verstopft.

… Foto: christandl jürg Am Schnapser-Stammtisch hat man wenig Verständnis für die Bedenken der Umweltschützer Dass Grüne und Bürgerinitiativen die Umfahrung bekämpfen, kann Nejedly nicht verstehen: „Die Grünen sind ja gegen alles. Der Verkehr wird durch die Umfahrung sicher viel flüssiger.“ Und die Öffis seien derzeit keine Alternative. „Die Intervalle sind zu lang und es gibt zu wenige Parkmöglichkeiten an den Endstationen.“

„Immer, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit am Biberhaufenweg im Stau stehe, sehe ich, dass 30 bis 40 Prozent der Autos ein Gänserndorfer Kennzeichen haben“, ärgert sich Andrea Michenthaler von der Stadtapotheke. „Die könnten dann ausweichen.“

Provisorium

Apothekerin Andrea Michenthaler, groß enzersdorf, … Foto: christandl jürg „Die stauenden Autos aus Gänserndorf könnten dann ausweichen.“ Andrea Michenthaler, Apothekerin Ähnlich sieht das Bürgermeister Hubert Tomsic (SPÖ). Weniger gefällt ihm aber die geplante Abwicklung des Baus: „Der erste Abschnitt zwischen Süßenbrunn und Groß-Enzersdorf soll 2016 fertig sein. Dieser Teil der S1 endet dann auf der grünen Wiese. Bis dann der Tunnel 2025 fertig ist, wird der Verkehr über die Gemeindestraßen abgeleitet. Das wird zu einer Vervielfachung der Belastung führen. Gegen dieses zehnjährige Provisorium wehre ich mich.“

Josef Nejedly, groß enzersdorf,lobau… Foto: christandl jürg „Wir haben so viel Verkehr. Man hätte die Umfahrung schon vor 20 Jahren bauen sollen.“ Josef Nejedly, Pensionist Apropos Tunnel. Die 8,3 km lange Röhre, die durch den Nationalpark Donau Auen führt, ist einer der größten Reibebäume für Umweltschützer und Bürgerinitiativen. Sorgen machen sie sich nicht zuletzt um das Grundwasser. „Durch den Tunnel kann es zu einer Stauwirkung und zu einer Absenkung des Spiegels kommen“, warnt Umwelt-Aktivist Wolfgang Rehm. „Wir haben dazu auch Gutachten beauftragt, die bisher nicht widerlegt wurden.“

Geht es nach den Teilnehmern der vormittäglichen Schnapser-Runde im Groß Enzersdorfer Rathausgasthof brauche es ohnehin keinen Tunnel. „Man könnte ja stattdessen eine Brücke über die Lobau bauen. Für das Wild macht das keinen Unterschied. Das kann ja einfach darunter durchgehen.“

Chronik: Ein Jahrzehnt Gezerre um den Lobautunnel

Lobau Foto: gnedt martin Protest: Umweltschützer besetzten 2006 die Lobau 2003 Bei ihrer Klubklausur in Rust trifft die Wiener SPÖ die Entscheidung für die Errichtung eines Donau- und Lobautunnels im Rahmen der Stadtumfahrung im Nordosten. In den folgenden Jahren entbrennt eine heftige Diskussion um mögliche Varianten. Auch eine Brücken-Lösung steht dabei zur Debatte.

2005 Stadt und Bund einigen sich auf die Trassenführung. Der geplante Baubeginn verzögert sich fortlaufend.

2006 Umweltaktivisten und Bürgerinitiativen richten in der Au das „Lobaucamp“ ein, um die geplanten Probebohrungen im Gebiet des Nationalparks Donau-Auen zu verhindern. Als Folge wird ein „Runder Tisch“ eingerichtet.

2009 Die Asfinag reicht für das Projekt die Umweltverträglichkeitserklärung beim Verkehrsministerium ein.

Herbst 2012 Es kommt zur mündlichen UVP-Verhandlung. Die Kritik von Umweltschützern an dem Projekt reißt weiterhin nicht ab.

(kurier) Erstellt am
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