Chronik | Wien
28.05.2016

Nibelungenviertel: "Wir schauen aufeinander"

Am 3. Juni feiert das Viertel in Wien-Rudolfsheim mit einem großen Fest die Nachbarschaft.

Dass die laute und bunte Lugner City oder der geschäftige Westbahnhof nur wenige hundert Meter entfernt liegen, vergisst man am Kriemhildplatz in Wien-Rudolfsheim schnell. Hier, im Herzen des Nibelungenviertels, fühlt man sich eher an einen Dorfplatz erinnert – an dem Anrainer auf der Straße zum Tratschen stehen bleiben und sich die Unternehmer gegenseitig helfen.

Wenn Buchhändlerin Ulla Harms etwa eine Veranstaltung plant, borgt sie sich die Heurigenbänke einfach in der Pfarre aus, den Video-Beamer holt sie von Claudias Galerie gegenüber und Malerin Monika gibt ihr einige Sessel mit. Und wenn ein Kind, das den Wohnungsschlüssel vergessen hat, wartend auf der Parkbank sitzt, wird es von einer vorbeikommenden Mutter betreut, bis die Eltern nach Hause kommen.

Das Nibelungenviertel, ein Parade-Grätzel dafür, dass sich das einstige "Schmuddelkind" Rudolfsheim positiv entwickelt hat.

Ins Zeug gelegt

Warum der gute Zusammenhalt im Nibelungenviertel? "Das ist uns einfach wichtig. Wir schauen aufeinander", sagt Claudia Wohlgenannt, die die Grätzlgalerie führt.

Kerstin Liedtke, die vor vier Jahren den Grätzl-Blog einrichtete, ergänzt: "Vor zehn Jahren war es noch sehr ruhig und ein bisschen langweilig hier. Wahrscheinlich haben wir uns deshalb so sehr ins Zeug gelegt, um das Grätzel zu beleben." Das taten sie etwa mit Veranstaltungen und Workshops oder auch dem Anchorage-Café, das alte und neue Wiener zusammenbrachte.

Neu sind etwa die zehn Flüchtlinge, die im Pfarrheim ein vorübergehendes Quartier gefunden haben. Einer von ihnen ist Ola aus Nigeria, der die Hilfsbereitschaft der Anrainer kaum glauben kann: "So oft kommen Menschen zu uns und fragen, ob wir etwas brauchen, ob es uns gut geht, oder ob wir vielleicht mit zum Picknick kommen wollen. Es ist unglaublich."

Kommenden Freitag wird Ola selbst kräftig anpacken: Bänke schleppen, die Bühne aufbauen, nigerianische Schmankerln zubereiten. Denn am 3. Juni findet wieder das "Fest der Nachbarschaft" statt, das vor acht Jahren von der Gebietsbetreuung ins Leben gerufen wurde. Mit Fotowalk und Bastelecke, Minigolf-Anlage, und Rollstuhl-Rallye, Lindy-Hop-Performance und Food Trucks möchte man das Nachbarschaftsgefühl feiern und weiter stärken.

Erinnerungen sammeln

Für das Buchprojekt "Nibelungenviertel" werden während des Fests – und auch noch einige Zeit danach – Anekdoten und Fotos aus dem Grätzel gesammelt. Die Erinnerungen sollen in einem Werk vereint und kommendes Jahr veröffentlicht werden. "Damit auch die nächsten Generationen wissen, welche Geschichten sich hier zugetragen haben", sagt Ulla Harms.

Eingeladen zu der Feier ist auch, wer nicht im Nibelungenviertel wohnt. Denn, so erläutert Kerstin Liedtke: "Wir sehen Nachbarschaft nicht geografisch beschränkt – sondern im globalen Stil."

Fest der Nachbarschaft

3. Juni (bei Schlechtwetter 17. Juni)

15-22h

Kriemhildplatz/ Markgraf-Rüdiger-Allee