Chronik | Wien 28.02.2015

Asylwerber zieht bei Lisa und Eva in WG ein

Lisa und Eva haben einen neuen Mitbewohner: Den 38-jährigen Pakistani Muhammad.

Premiere. Was tun, wenn einer Studenten-Wohngemeinschaft (WG) ein Bewohner abhanden kommt? Am besten, schnell einen neuen suchen. "Eigentlich haben wir an einen Erasmus-Studenten gedacht", sagt Lisa Linkeseder. "Damit wir mehr Englisch sprechen." Daraus ist nichts geworden. In der WG in Wien-Josefstadt wird Deutsch gelernt. Und zwar mit Muhammad (Name geändert, Anm.), einem 38-jährigen Asylwerber aus Pakistan. Er zieht gerade in die Wohnung der beiden Studentinnen ein. Und er ist der erste, der über die Plattform "Flüchtlinge Willkommen" in eine WG übersiedelt.

40 Anmeldungen

Vor wenigen Wochen kam die Idee, die in Deutschland bereits länger umgesetzt wird, auch in Österreich an. Und binnen kurzer Zeit gab es schon 40 Anmeldungen – von der Pensionistin aus Wien bis zur Familie aus Salzburg. Aktuell haben sich schon drei neue Wohngemeinschaften ergeben.

Die Cousinen Lisa und Eva Linkeseder sind die ersten, die ernst gemacht haben. "Im Jänner haben wir Muhammad kennengelernt", erzählen sie. "Und das hat gepasst." Einschränkungen wollten sie bei der Wahl ihres neuen Mitbewohners keine machen. "Bewusst nicht", wie die jungen Frauen im Alter von 21 und 22 Jahren betonen. Die Frage, wie sie die Miete zu zweit stemmen sollen, wurde ihnen von Freunden abgenommen. "Es haben sich sofort Freunde gemeldet, die uns monatlich kleine Beträge überweisen."

Muhammad, der fünf Sprachen spricht, hat sein eigenes Zimmer bekommen. Mit zwei Koffern ist er eingezogen. Seine Rolle in der Wohngemeinschaft hat er schnell gefunden. Obwohl eigentlich gelernter Schlosser, übernimmt er in der WG die Aufgabe des Küchenchefs. "Seine Ciabatti sind ein Traum!", schwärmt Eva. "Manchmal hält er gegen eine Spende auch Kochkurse ab." Und Muhammad? Der schwärmt von den Menschen in Wien. Und von der Kultur. "Ich wünsche mir ein einfaches und sicheres Leben."

Sonst ist der Pakistani eher zurückhalten. Außer, es geht um den grünen Eierbecher. Den gibt’s nämlich nur einmal. Doch grün ist die Lieblingsfarbe von Muhammad und von Eva. Die Lösung? Lachen. Das hilft auch, wenn sich herausstellt, dass Lisa gar nicht aus Deutschland kommt. Obwohl sie Deutsch spricht. Oder wenn gerätselt wird, wer nachts schnarcht. Und wenn im Deutschbuch Fische abgedruckt sind, die wie Schlangen aussehen. Dann reißt es Muhammad. Bis sich das Rätsel lüftet: Es ist ein Aal.

Es kann aber auch sehr ernst werden. Wenn Muhammad etwa aus seiner Heimat erzählt. Oder über das Asylverfahren.

Acht Monate kann der Mann aus Pakistan bei den Studentinnen bleiben. Dann kommt ihr ursprünglicher Mitbewohner nach einem Auslandssemester wieder zurück. Bis dahin wollen die drei noch einiges gemeinsam erleben. Die erste geplante Unternehmung: Ein Ausflug in den pakistanischen Supermarkt.

( Kurier ) Erstellt am 28.02.2015