Chronik | Wien
05.12.2011

Nachwuchssorgen bei den Lipizzanern

Heuer wurden im Gestüt Piber nur 31 Jungtiere geboren, so wenige wie noch nie. Zuchtexperten sorgen sich um die Zukunft der Pferde.

Gerade einmal 31 Fohlen wurden in diesem Jahr im Gestüt Piber geboren. Noch steht der Lipizzaner nicht auf der Liste der gefährdeten Arten. Alfred Pischler, ehemaliger Gestütsleiter in Piber, zeichnet aber ein düsteres Bild, sollte daraus ein Trend werden: "Dann wird die Reproduktion der Lipizzaner beeinträchtigt. Es müsste mit Inzucht gearbeitet werden". In weiterer Folge sei sogar ein Aussterben von Österreichs Wahrzeichen möglich.

Pischler, der noch vor zehn Jahren der Herr über die Lipizzaner in Piber war, berichtete, dass in seiner Zeit im Schnitt 75 Fohlen geboren wurden. Nur die besten sechs bis acht Hengste gingen in die Hofreitschule nach Wien. Heute sei der Leistungsdruck höher. Die Zahl der Vorstellungen steige und man könne die Pferde weniger oft in der Zucht einsetzen, sagt Pischler. Nachdem man eine zweite Reiter-Gruppe gegründet hat, um mehr Vorführungen absolvieren zu können, würden pro Jahr derzeit bis zu zwölf Hengste in Wien benötigt.

"Weniger Auswahl"

Bei 31 Tieren (inklusive Stuten) könne man nicht mehr wie früher die Besten auswählen. Man müsse praktisch jeden Lipizzaner nehmen, weil sich manche Tiere auch in den ersten Lebensjahren verletzen - so lautet der Vorwurf des neu gegründeten "Freundeskreis der Hofreitschule", dem auch Pischler angehört.

Generaldirektorin Elisabeth Gürtler (siehe auch Interview) weist diese Vorwürfe entschieden zurück: "Die Zahl ist jedes Jahr anders. Derzeit sind 46 Stuten trächtig, also bekommen wir im kommenden Jahr wieder mehr als 40 Tiere." Gewinn- und Leistungsdruck gibt es laut der Chefin der Hofreitschule nicht.

Kritik übt der "Freundeskreis", der kurioserweise zwei Schweizer an der Spitze hat, weiters an der Qualität der Aufführungen. Als Beweis dafür wurde ein Video von einer Sommeraufführung präsentiert. Dabei hätten sich die Hengste ungeschickt angestellt, was auch Gürtler indirekt bestätigt.

Laut dem "Freundeskreis" müssen die rund 15 Bereiter jetzt 110 Lipizzaner ausbilden statt früher 70, das sei der Grund für die Misere. "Der Glanz der Hofreitschule ist im Schwinden begriffen", findet der Vizepräsident, Günter Zeman, harte Worte. "Die Finanzmisere bleibt gleich, die Qualität geht verloren."

Schuld daran sei weniger das Management als die Rahmenbedingungen. Zeman: "Die Lipizzaner unterstehen dem Landwirtschaftsministerium. Die Hofreitschule sei aber ein Kulturbetrieb wie die Philharmoniker und gehöre deshalb ins Kulturressort. Schaut man auf die unter Touristen extrem beliebte Seite tripadvisor.com, dann rangiert die Hofreitschule nur auf Platz 73 von 212 Wiener Sehenswürdigkeiten.

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