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Fundstück
03/07/2014

Mordfall Korotin: Beweis übersehen

Kontaktlinse auf Leiche wurde offenbar gar nicht untersucht / Weitere Ungereimtheiten.

Es sind oftmals die kleinen Details, mit denen nicht nur TV-Inspektor Columbo Mörder überführt. Auch bei echten Ermittlungen ist das der Weg zum Erfolg. Im Fall der im Juli 2010 zerstückelten Stefanie P. (21) gibt es viele dieser gar nicht so winzigen Kleinigkeiten, die bis heute ungeklärt sind – oder sogar übersehen wurden. Dennoch wurde der Jusstudent Philipp Korotin zu lebenslanger Haft verurteilt.

Kein DNA-Test

Das brisanteste Detail: Bei der Obduktion der Leiche von Pagels wurde eine Kontaktlinse im Haar des Opfers sichergestellt (siehe Faksimile). "Diese wurde nie auf DNA-Spuren untersucht", erklärt der nunmehrige Anwalt des verurteilten Mörders, Nikolaus Rast. Kein Mensch weiß, wem die Linse tatsächlich gehört. Ob sie überhaupt noch vorhanden ist, bleibt vorerst ebenfalls unklar. Im Prozess war das wichtige Beweisstück offenbar nicht einmal Thema und im Wiener Landesgericht sowie bei der Staatsanwaltschaft konnte man auf KURIER-Anfrage den Verbleib des Beweisstückes nicht klären. Laut Rast trugen weder Pagels noch Korotin Kontaktlinsen.

Auch andere Indizien deuten darauf hin, dass weitere Personen in der Wohnung gewesen sein könnten. Zwei Stunden vor ihrer Ermordung war P.s in einem Restaurant eine Packung Marlboro holen. In der Wohnung wurden später Zigarettenstummel von zwei anderen Marken (L&M sowie Chesterfield) gefunden, aber keine Marlboro. Wo sind diese Zigaretten hin? Gefunden wurde auch eine leere Chesterfield-Schachtel – mit einem nicht identifizierten Fingerabdruck darauf.

Wie berichtet, gibt es Vermutungen, dass weitere Personen in der Wohnung waren, als der Mord geschah. Die Rede ist auch von einem Rucksack, der aus dem Haus geworfen worden war, kurz bevor die Polizei am Tatort war. Dies sagt kein Freund von Korotin aus, sondern sein ehemaliger Nebenbuhler um die Gunst von P. Er erklärt, dass ein Paar mit dem Rucksack davongelaufen sei. Auf vier Handschuhen im Müll wurde die DNA von einem Mann, einer Frau und P. sichergestellt.

Einige Beweise fehlen

Aus der Wohnung fehlt allerdings mehr: Kleidung, die Handtasche und das Handy von P., sogar eine der Tatwaffen dürfte weg sein. Die Genitalien wurden so verstümmelt, dass unklar ist, wer mit dem Opfer verkehrt hat.

Korotin hatte zu Beginn im Verhör gestanden, dass er bei einem Sex-Spiel abgerutscht sei und P. dabei unabsichtlich getötet habe. Selbst diese Verantwortung passt so gar nicht zu dem Spurenbild. Denn zahlreiche Schnitte wurden P. erst nach dem Tod zugefügt.

Der Jusstudent behauptet, er habe von der Tat nichts mitbekommen, weil er nach einer halben Falsche Wodka in einem Delirium war. Tatsächlich sei er in der Früh auf der Couch aufgewacht, von der man das Bett nicht sehen kann. Von dort habe er völlig klare Telefonate geführt. Im Prozess sagte der Gutachter, so ein Kurzzeit-Delirium sei nicht denkbar.

Nun gibt es ein neues Gutachten des bekannten Neurologen Reinhard Haller. Er erklärt, dass so etwas selten gesehen, aber möglich sei: Die Verhaltensänderung setzt entweder während des Trinkens oder gleich danach ein und dauert wenige Stunden, ehe sie dann wieder völlig verschwindet. Korotin weise aus Sicht Hallers sogar eine entsprechende Prädisposition (Empfänglichkeit) für dieses Phänomen auf.

Offiziell wollte am Donnerstag niemand zu den neuesten Entwicklungen Stellung nehmen, die KURIER und News aufgedeckt haben. Bei der Polizei verwies man auf die Staatsanwaltschaft, bei der Staatsanwaltschaft dann auf das Wiener Landesgericht – und dort wiederum auf die Polizei.

Für heute, Freitag, sind jedenfalls klärende Gespräche in der Staatsanwaltschaft und am Wiener Landesgericht angesetzt. Korotin-Verteidiger Nikolaus Rast wird die neuen Beweise dort auf den Tisch legen. Danach wird über allfällige weitere Ermittlungen entschieden.

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