Chronik | Wien
01.03.2018

Mord vor dem Cafe Blanco: Wenn Zeugen und Fotos einfach verschwinden

Zweiter Anlauf vor Gericht: Doch es gibt weitere Zweifel an der Schuld des Angeklagten.

Shkelzen D. wartet geduldig auf seinen Prozess. 40 Minuten dauert es, bis Richter und Geschworene Donnerstagfrüh endlich den Saal im Landesgericht Wien betreten. Es ist nicht das erste Mal, dass der Kosovare hier sitzt. Ihm wurde schon im Vorjahr der Prozess wegen Mordes gemacht – damals wurde er von den Geschworenen einstimmig freigesprochen. Doch die Berufsrichter werteten das als Irrtum. Deshalb muss der Prozess wiederholt werden.

Shkelzen D., 27, soll am Ostersonntag des Vorjahrs Igor Z. vor der Blanco Bar in der Jägerstraße erschossen haben. Angeblich aus Eifersucht. Fakt ist, dass der Kosovare unmittelbar danach zur Polizei fuhr und dort sagte: "Ich habe die Scheiße gerade gemacht." Fakt ist aber auch, dass es Unstimmigkeiten gibt. Allen voran die fehlenden Schmauchspuren. Und dass sein Begleiter ihn aufforderte: "Sag das jetzt!"

Der Verdacht lag nahe, dass die Spuren beim Händewaschen verloren gingen. Immerhin dauerte es drei Stunden, bis die Untersuchung durchgeführt wurde. "Aber er hatte gar nicht die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen", sagen die Anwälte Philipp Wolm und Werner Tomanek.

Ähnliche Waffe

Dazu kommt ein interessantes Detail: Jener Bekannte, der Shkelzen D. nach der Bluttat zur Polizei gefahren hatte, hätte in der Vorwoche selbst einen Prozess gehabt – wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Doch er ist in seiner Heimat Kosovo untergetaucht. Aus Angst. Einer Waffe, die fast baugleich mit der verwendeten ist. Bei ihm fanden die Ermittler viele Schmauchspuren. "Eine Täterschaft des Herrn O. ist viel wahrscheinlicher als die von D.", sagen die Verteidiger. Auch der zweite Zeuge, der vor Ort war, erscheint nicht zum Prozess.

Und dann ist da noch das Foto eines Zeugen, unmittelbar nach der Tat. Darauf zu sehen ist ein Mann in grauer Jacke. Möglicherweise ein unbekannter Dritter. Der Angeklagte ist nicht erkennbar – ein Sachverständiger soll das Bild nun auswerten, beantragten die Verteidiger.

Für den Staatsanwalt und Marcus Januschke, der die Opferfamilie vertritt, sind das bloß Ablenkungsmanöver. "Er hat drei Mal gestanden. Bei der Polizei, bei seiner Frau und bei einem Mithäftling", sagt Januschke.

Der Angeklagte selbst bleibt wortkarg: "Es tut mir leid, dass jemand gestorben ist", sagt er. Mehr nicht.