Chronik | Wien 30.01.2012

Mit Knock-out-Tropfen auf Frauenjagd

© Bild: KURIER/Gruber

Möchtegern-DJ und Musikproduzent soll sich seine Opfer in der Disco gesucht und dann später vergewaltigt haben.

Er stamme aus Spanien, sei DJ sowie auch Musikproduzent und könne sie vielleicht „groß rausbringen“. Mit dieser Masche dürfte ein 33-jähriger in den vergangenen Monaten in diversen In-Discos in Wien bei jungen Damen erfolgreich Eindruck geschunden haben.

Doch der Mann soll sich in weiterer Folge als brutaler Sextäter entpuppt haben: Zumindest sechs Frauen – die vermutlich zuvor mit K.-o.-Tropfen gefügig gemacht wurden – soll der Mann vergewaltigt oder sie mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr genötigt haben. Weitere Opfer werden nun gesucht.

„Er behauptet, alles sei freiwillig und mit Einverständnis der Frauen geschehen“, sagt ein Ermittler im Landeskriminalamt über den verdächtigen Saied H., der vor einigen Tagen verhaftet wurde. Die genaue Identität des Mannes, woher er eigentlich stammt, ist immer noch nicht geklärt. Er dürfte sich jedenfalls mit falschen Papieren seit dem Vorjahr in Wien aufhalten. Und ist laut Polizei schon einmal wegen Sexualdelikten aufgefallen.

Auf die Spur des Mannes waren die Fahnder gekommen, nachdem eine junge Frau Anzeige erstattet hatte: Sie konnte sich noch erinnern, in welcher Wohnung es zum Übergriff gekommen ist. Wie sich herausstellte, war dies die Wohnung der Freundin des „Spaniers“, die im Ausland weilt.

Betäubt

Fünf weitere mutmaßliche Opfer wurden bisher ermittelt. In Lokalen wie der „Passage“ , dem „Ride Club “ oder „Excess“ soll sich H. an die Frauen heran gemacht haben. Und er dürfte ihnen unbemerkt eine Substanz in Getränke, zu denen er einlud, gekippt haben: Fast alle der Opfer berichteten, dass sie sich plötzlich wie betäubt fühlten und ihnen übel wurde. Um was es sich dabei gehandelt hat, ist noch offen: Die Blutprobe einer Frau wird noch untersucht.

Der „Musikproduzent“ verließ mit seiner Begleitung schließlich die Disco, mit dem Taxi fuhr man in die Wohnung. Laut Ermittlern hat sich der Verdächtige zudem wiederholt in einem noblen Appartmenthaus in Döbling für seine Sexattacken eingemietet.

In zwei Fällen soll es laut Polizei zur Vergewaltigung gekommen sein. In den anderen Fällen soll der Mann die Frauen, wenn sie sich wehrten, bedroht haben, sie mit Schlägen letztlich zum Geschlechtsverkehr genötigt haben.

Die Polizei bittet weitere Opfer, sich (vertraulich) zu melden:  31310/ 33 312.

Substanzen sind sehr schwer und nur kurze Zeit nachweisbar

Eine 2009 im British Journal of Criminology publizierte Studie kommt zu folgendem Schluss: Knock-out-Tropfen, also sogenannte Vergewaltigungsdrogen, seien eine „moderne Legende“. Die Studienautoren wiesen darauf hin, dass die Polizei bei den angezeigten Fällen keine Hinweise gehabt habe. Sind Sittlichkeitsdelikte unter Einfluss betäubender Substanzen also mehr Legende als Realität? Mitnichten.

In Österreich gibt es keine Statistik über Strafverfahren, in denen Vergewaltigungsdrogen eine Rolle spielten. Einer parlamentarischen Anfrage-Beantwortung zufolge zeigten im Jahr 2010 österreichweit 62 Opfer solche Vorfälle an. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Die Palette an eingesetzten Stoffen reicht von Medikamenten bis zu Industriechemikalien, die frei erhältlich sind.

Die Krux dabei: Die Substanzen sind sehr schwer und nur kurze Zeit im Körper nachweisbar. Und: Die Opfer können sich kaum an etwas erinnern. Oft bleibt nur ein Zeitfenster von zwölf Stunden, um bestimmte Stoffe im Körper nachweisen zu können. Gerade weil sich Opfer unsicher sind, vergeht wertvolle Zeit. Wer vermutet, ein Opfer geworden zu sein, der sollte möglichst rasch eine Harn probe abgeben – am besten den ersten Morgenharn. Eine 24-Stunden-Beratung gibt es beim Frauennotruf unter  01/71719.

 

Erstellt am 30.01.2012