Menschenhandel: Hauptverdäch­ti­ger soll "Boss der Chinesen-Mafia" sein

U-Haft über 38-Jährigen vom Wiener Landesgericht bis Ende Dezember verlängert. Für Verteidiger Werner "ein braver und unbescholtener chinesischer Staatsbürger".

Vor wenigen Wochen ist eine Gruppierung zerschlagen worden, die in großem Stil mit falschen Versprechen Dutzende Frauen aus China nach Österreich geschleppt und diese hier zur Prostitution gezwungen haben soll. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt gegen acht Personen, mit einer Ausnahme allesamt gebürtige Chinesen. Der Hauptverdächtige soll der "Boss der Chinesen-Mafia im Rotlicht in Wien" sein.

Diese Aussage stammt von einer Mitbeschuldigten, die in der Bundeshauptstadt zumindest ein Sex-Studio betrieben haben soll. Sie erzählte in einer Einvernahme den Kriminalisten, der 38-Jährige habe über mehrere "Strohleute" Laufhäuser und illegale Bordelle geführt, wobei sich ihren Angaben zufolge seine Geschäfte nicht auf die Bundeshauptstadt beschränkten. In fünf Bundesländer sollen die Fühler des Mannes gereicht haben, der 2000 nach Österreich gekommen war, um in Leoben Maschinenbau zu studieren.

"Er ist ein gefährlicher Mann "

Nach mehreren Jahren schmiss er das Studium und arbeitete als Koch in verschiedenen China-Restaurants, ehe er sich auf die Rotlicht-Szene verlegte und dort - so jedenfalls die Erkenntnisse des Landeskriminalamts Niederösterreich, das federführend mit den Ermittlungen betraut ist - mit der Zeit zum Zampano aufstieg. Die Prostituierten, die in seinen Betrieben tätig waren, soll sich der 38-Jährige ausschließlich aus der Provinz Sichuan beschafft haben. Der Mann soll nämlich einer von China aus operierenden, auf den Menschenhandel Richtung Europa spezialisierten Mafia-Bande angehören. "Er ist ein gefährlicher Mann und wir haben alle große Angst vor ihm", verriet die gesprächige Mitbeschuldigte in ihrer Einvernahme.

Der angebliche Mafia-Boss bestreitet sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe, die sich auf den Zeitraum 2011 bis zu seiner Festnahme Anfang November 2016 beziehen. "Das alles kann nur eine Verwechslung sein oder ein Übersetzungsproblem. Er ist ein braver und unbescholtener chinesischer Staatsbürger", versichert sein Verteidiger Christian Werner.

Seit 2013 im Fokus der Strafverfolgungsbehörden

Das Wiener Landesgericht hat in der vergangenen Woche allerdings die U-Haft über den 38-Jährigen und fünf Mitbeschuldigte - darunter mehrere Frauen - bis Ende Dezember verlängert, wie Mediensprecherin Christina Salzborn mitteilte. Die Gruppierung steht seit 2013 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Menschenhandel und grenzüberschreitendem Prostitutionshandel im Fokus der Strafverfolgungsbehörden.

Den von der Bande ausgebeuteten jungen Frauen - sie mussten einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen abliefern bzw. für die Zimmer, in denen sie der Prostitution nachgingen, bis zu 60 Euro pro Tag bezahlen - waren ursprünglich Jobs als Kindermädchen oder Küchenhilfe in Aussicht gestellt worden. Exemplarisch erscheint das Schicksal einer 24-jährigen, die von den Kriminalisten als Zeugin befragt wurde. 2013 war sie in China enteignet worden, ihr Haus wurde abgerissen. Die junge Frau bekam in weiterer Folge nur ein Fünftel der ihr zugesicherten Entschädigung, die umgerechnet 14.000 Euro investierte sie in ihren vermeintlichen Neustart.

12.000 Euro für Reise nach Europa

"Ich wollte nach Europa, um dort ein neues Leben anzufangen", vertraute die Frau den Kriminalbeamten an. Für die Kosten der Reise, einen Ausweis und einen angeblich gesicherten Arbeitsplatz in Europa bezahlte sie umgerechnet 12.000 Euro. Sie wurde zunächst mit der Bahn an die chinesisch-russische Grenze gebracht, wo sie in einen Lkw umsteigen, allerdings auf der Ladefläche Platz nehmen musste. Erst jetzt wurde der 24-Jährigen bewusst, dass sie Schleppern auf den Leim gegangen war. Vier Monate dauerte die Reise, wobei es immer wieder längere Unterbrechungen gab und die 24-Jährige in Wohnungen angehalten wurde, die sie nicht verlassen durfte. Auf einer Teilstrecke wurde sie hintereinander vom Lkw-Fahrer und dem Beifahrer vergewaltigt.

In Traiskirchen stellte die 24-Jährige dann einen Asylantrag - unter einem falschen Namen, wie man ihr nahe gelegt hatte. Aus dem erhofften Job als Kindermädchen wurde nichts. Sie landete schließlich in einem Massage-Salon und geriet an eine 34-Jährige gebürtige Chinesin, die sich ihr - und vermutlich einem beträchtlichen Teil der mehr als 150 jungen Frauen, die auf ähnliche Weise von China nach Österreich gelangt waren - als Übersetzerin anbot.

Auch Dolmetscherin in U-Haft

Die Dolmetscherin befindet sich ebenfalls in U-Haft. Sie soll die Frauen ausgenommen haben, indem sie für ihre Dienste und Botengänge Geld kassierte und die Betroffenen in verschiedene Laufhäuser vermittelte. Immer wieder soll sie zum Schein Mädchen an ihrer Adresse angemeldet haben. Ihr Verteidiger Philipp Wolm ist von der Schuldlosigkeit der 34-Jährigen überzeugt: "Ihre Tätigkeit hat sich auf das Dolmetschen beschränkt. Und Dolmetschleistungen sind nicht strafbar."

Zu den Verdächtigen zählt auch ein 59-jähriger Mann, der als Mitarbeiter in einer angesehenen Wiener Anwaltskanzlei beschäftigt war. Er soll sich fälschlicherweise als Rechtsanwalt ausgegeben und von etlichen jungen Chinesinnen Geldbeträge für die Beschaffung von Dokumenten kassiert haben, die diese zur Ausübung der Prostitution berechtigten. Obwohl dafür keine Gebühren anfallen, sackte der falsche Anwalt nach vorläufigem Stand der Ermittlungen von mindestens 16 Frauen jeweils 1.000 Euro ein. Der Doch-nicht-Anwalt befindet sich inzwischen in Haft, die betreffende Kanzlei will mit ihm nichts mehr zu tun haben.

Bei den weiteren Beschuldigten handelt es sich um - großteils weibliche - Sex-Studio-Betreiberinnen bzw. Aufpasserinnen. Eine Salon-Leiterin hat den Kriminalisten weiszumachen versucht, sie habe Mädchen "aus Mitleid" bei sich arbeiten lassen. Eine andere Geschäftsfrau, die insgesamt drei Etablissements geführt haben soll, will lediglich als "Zimmervermieterin" fungiert haben: "Was die dort in den Zimmern machen, interessiert mich nicht." Eine "Aufseherin" soll ein besonders strenges Regiment geführt und die Prostituierten konsequent kontrolliert haben. 2015 wurde sie daher aus Wien abgezogen und in einem Laufhaus in Kärnten eingesetzt.

(APA / kob) Erstellt am
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