Chronik | Wien
17.08.2017

Mama auf Zeit: Acht Kinder in drei Jahren

Sie nimmt fremde Babys bei sich auf und kümmert sich um sie, als wären es ihre eigenen. Als Krisenmutter weiß Ulrike nie, wie lange die Kleinen bei ihr bleiben - Wochen oder Monate? Erst kurz vor dem ersten Kennenlernen erfährt sie, aus welchem Grund die Kinder aus ihrer leiblichen Familie geholt wurden – Drogen, Gewalt, Vernachlässigung?

Nach 30 Jahren im Finanzwesen wollte Ulrike etwas Sinnvolles machen. Das Leben als Angestellte eines großen Konzerns hat ihr nicht mehr gereicht. Diese Entscheidung hat sie vor knapp drei Jahren getroffen. Heute ist Ulrike eine von rund 40 Krisenpflegemüttern, die hauptsächlich in der Region Wien aushelfen. Viel zu wenige. Benötigt werden dreimal so viele. Ist ein Platz frei, läutet sofort das Telefon. Die Sozialarbeiterin vom Jugendamt. Ein neues Kind könnte gleich in der nächsten Stunde einziehen. Krisenpflegemütter kümmern sich um Babys und Kleinkinder bis zu drei Jahren für einen gewissen Zeitraum.

Ulrike ist keine typische Krisenpflegemutter. Sie hat keine eigenen, kleinen Kinder mehr und auch keine anderen Kinder auf Dauer in Pflege. Ihre Töchter sind schon 23 und 34 Jahre alt und längst ausgezogen. Ulrike schenkt dem Krisenpflegekind also ungeteilte Aufmerksamkeit, hat kaum andere Verpflichtungen, richtet sich fast ausschließlich nach den Bedürfnissen des jeweiligen Kindes. Sie hat beim Jugendamt vermerkt, dass sie immer nur ein Kind haben möchte. Dieses bekommt ihre volle Zuwendung.

Ihr Lebensgefährte zieht mit ihr an einem Strang. „Wir haben uns vor drei Jahren gemeinsam dazu entschieden, finanziell geht es sich aus“, erzählt Ulrike. Bei der Entscheidung, Krisenpflegemutter zu werden, ist dieser Aspekt nämlich nicht ausblendbar. Gehalt gibt es keines. Ulrike erhält Pflegegeld in der Höhe von 1030 Euro vom Jugendamt. Beim Verein Eltern für Kinder (EFKÖ) ließ sie sich mit einem Euro über der Geringfügigkeitsgrenze anstellen, damit sie versichert ist.

„Er hat schon auf mich gewartet“

Nachdem die 53-Jährige alle Kurse und Bescheinigungen erhalten hatte, ging es auch schon rasch los. „Das erste Kind vergisst man nie“, erzählt Ulrike gerührt und zeigt ein Foto. 18 Monate alt. Ein Junge. Gesund und normal entwickelt. Nico. „Das erste Mal war natürlich total aufregend.“ Es war im Dezember 2014, kurz vor Weihnachten. „Ich habe den Kleinen vom Jugendamt abgeholt, er hat dort schon in der Puppenküche in einem Spielzimmer auf mich gewartet. Er war sowas von hübsch, lieb und intelligent.“ Ulrike sagt, das erste Kind ist etwas ganz Besonderes. Ihre strahlend grünen Augen leuchten, als sie von Nico erzählt und sich zurückerinnert. Man sieht, wie vernarrt sie in das Kind ist. Nico war anfangs sehr ruhig, hat viel beobachtet. Er war zurückhaltend, leise und ängstlich. Dass ja nichts passiert.

Diese Kinder sind oft viel Lärm und Gewalt gewohnt. Doch nach einiger Zeit taute Nico auf und war ganz aufgeweckt. „Sie glauben nicht, wie schnell das geht. Wie schnell sich diese Kinder erholen, wenn sie in einer Umgebung leben, in der sie sich sicher fühlen und sich entspannen können.“ Ulrike und ihr Lebensgefährte wohnen am Stadtrand von Wien. In einem Gartenhaus. Ein kleiner Teich gehört dazu. Den Wald sieht man von der Terrasse. Hier ist es grün und ruhig. Die Vögel zwitschern, das ist das einzige Geräusch. Ein bisschen wie im Urlaub.

Ulrike hatte nach Nico noch sieben weitere Kinder. Wenn sie von ihnen erzählt, sagt sie „meine Kinder.“ Sie hatten Gewalt oder massive Vernachlässigung erfahren. Ulrike hat unzählige Albträume und lautes Weinen weggestreichelt in den Jahren. Nicht nur einmal ist sie an ihre Grenzen gestoßen. Es waren Drogenbabys, die an einem Überwachungsmonitor hingen, schwere Entzugserscheinungen hatten und Tag und Nacht geschrien haben. Solche Kinder sind besonders gefährdet, den plötzlichen Kindstod zu sterben. Oft waren die Mütter psychisch krank und nicht imstande, sich zu kümmern. Und oft waren die Mütter selbst noch Kinder.

Kommt ein Baby in sein neues Zuhause bei Ulrike, beginnt diese sofort mit den notwendigen Vorbereitungen und vorgeschriebenen Aufgaben: altersadäquate Kleidung und Spielsachen bereitstellen, schauen, ob es Verletzungen hat, den Pflegezustand beschreiben, einen Arzt besuchen, beobachten, wie es schläft. Darüber hinaus muss sie einmal im Monat einen Verlaufsbericht an die zuständige Sozialarbeiterin schreiben.

Und dann kam Maxi…

Es war September 2016, als wieder das Telefon läutete. Ein Junge, 19 Monate, unterentwickelt. Mehr erfährt sie nicht. Sie stimmt zu und kurz darauf liegt Maxi in seinem neuen Gitterbett und ist Teil dieser neuen Familie. „Maxi hatte eine schwere Essstörung, musste ganz intensiv betreut werden. Vier Arzttermine pro Woche: Therapie, Essklinik, Logopäde, Psychologe. Maxi konnte nicht schlucken, nicht trinken. Der kleine Junge war stark unterernährt. Maxi hat die erste Zeit kaum ein Geräusch von sich gegeben, er hat nicht einmal geweint. „Ich dachte, er kann das gar nicht, ich dachte, er kann keine Gefühle zeigen.“ Es wurde vermutet, dass der Junge eine Beeinträchtigung hat. Maxi konnte nicht selbständig sitzen und sich im Gitterbett nicht selbst umdrehen.

Fast ein Jahr später lebt Maxi immer noch bei Ulrike. In der Zwischenzeit kann er krabbeln und gehen. Er brabbelt vor sich hin, versucht die ersten Worte von sich zu geben und nachzusprechen. Er ist aufgeweckt, neugierig, trägt eine rote Hornbrille und coole Kinderkleidung. Von Schüchternheit keine Spur mehr. Maxi lächelt in einer Tour, strahlt mit seinen großen braunen Augen mit Ulrike um die Wette. Die Essstörungen sind weg, hier im Garten spielt ein glückliches Kind.

Ulrike kann es selbst nicht glauben, welche Fortschritte der kleine Mann gemacht hat. Gerade sind sie aus dem Urlaub gekommen. Campen in Grado. „Seit wir zurück sind, geht es ihm noch viel besser“, erzählt Ulrike stolz.

Panische Ängste

Ulrike sagt, diese Kinder wüssten ganz genau, was hier passiert. Sie wüssten ganz genau, dass sie aus ihrer leiblichen Familie geholt wurden. Für solche Eltern verhängt das Jugendamt spezielle Auflagen, die sie innerhalb von sechs bis acht Wochen erfüllen müssen. Schaffen sie das nicht, wird ein Vermittlungsauftrag eingeleitet und Pflegeeltern gesucht. Bis zu diesem Zeitpunkt muss Ulrike eine Stunde pro Woche Besuchskontakt mit den Eltern abhalten, danach 14-tägig. Dieser kann sich als sehr schwierig erweisen. „Es gibt Kinder, die weinen, wenn sie ihre Eltern wiedersehen. Sie wollen nicht zu den Eltern. Da kommt es manchmal zu sehr heftigen Szenen. Überhaupt da, wo Gewalt im Spiel war. Diese Kinder haben panische Angst und schreien. In so einem Fall wird der Besuch natürlich abgebrochen.“

Schaffen es Eltern jedoch, die Auflagen des Jugendamtes zu erfüllen, dann geht es recht schnell und das Kind lebt wieder in der Herkunftsfamilie. In solchen Fällen bricht der Kontakt zu Ulrike ab. „Für mich ist es schwierig, wenn das Kind zu den leiblichen Eltern zurückkommt, denn dann erfahre ich nichts mehr. Das Gesetz untersagt einen Kontakt.“ Von Ulrikes acht Kindern sind zwei zu den leiblichen Eltern zurückgekehrt. Die anderen wurden bei dauerhaften Pflegeeltern untergebracht. Zu diesen habe sie noch guten Kontakt, da gebe es Besuche und Geschenke. „Ich sehe sie groß werden, das ist schön.“

Der schwerste Abschied

„Ich bin wirklich sehr gerne Krisenpflegemutter. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Meine ganze Familie hat davon profitiert.“ Vor allem das soziale Umdenken, der Kontakt mit zerrütteten Familien, habe in ihr etwas bewegt. „Wenn man einmal mit Drogenkranken zusammengearbeitet hat, dann sieht man, warum sie das machen. Es gibt ja keine Kinder aus ‚guter‘ Familie, die in dieser Form abrutschen. Diese Menschen haben keinen anderen Ausweg. Oft sind sie selbst misshandelt oder missbraucht worden.“

Ulrike wird die nächsten zehn Jahre noch Krisenpflegemutter sein, dann geht sie in Pension. „Wir genießen unser Leben, aber gemeinsam ausgehen, das spielt es nicht mit diesen Kindern. Die Partnerschaft muss einiges aushalten und stabil sein. Ich will aber keinen fremden Babysitter. Bei Bedarf springen die eigenen Töchter ein und helfen tatkräftig mit. Diese Kinder sind bedürftig, sie brauchen uns und einen geregelten Alltag.“

Ulrike behandelt diese Krisenkinder wie ihre eigenen. „Ich kann gar nicht anders. Ein Baby gehört geschmust.“

Maxi hat anfangs körperlichen Kontakt nicht zugelassen. Wenn Ulrike ihn angefasst hat, ist er erschrocken. Heute ist das anders. Der Abschied von Maxi wird schwer.