Psychiatrie-Patienten am Steinhof 1938

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Letzte Ruhestätte für Opfer der NS-Medizin
05/09/2012

Letzte Ruhestätte für Opfer der NS-Medizin

Am Zentralfriedhof werden die Überreste von rund 70 Psychiatriepatienten feierlich beigesetzt, die während des Zweiten Weltkriegs am Steinhof umkamen.

von Josef Gebhard

Viele Täter blieben nach 1945 unbehelligt, jetzt soll wenigstens deren Opfern ein würdiges Andenken geschaffen werden: Gestern wurden die sterblichen Überreste von Opfern der NS-Medizin im Beisein von Bundespräsident Heinz Fischer und den Spitzen der Wiener Stadtregierung auf dem Zentralfriedhof bestattet. Es handelt sich dabei um Gehirnpräparate von Psychiatriepatienten, die zwischen 1941 und 1945 am Steinhof umkamen. Das heutige Sozialmedizinische Zentrum Baumgartner Höhe war damals Zentrum der Vernichtung von Leben, das nach der NS-Ideologie als "minderwertig" galt. "61 der jetzt bestatteten Präparate konnten Namen zugeordnet werden", sagt Herwig Czech, Historiker am Dokumentationsarchiv des Öster­reichischen Widerstandes.

Bereits in den Jahren 1940/’41 wurden 3200 Menschen im Rahmen der sogenannten Aktion "T4" ins Schloss Hartheim (OÖ) deportiert und dort in der Gaskammer getötet.

Nach öffentlichen Pro­testen wurde die Aktion gestoppt – unter strenger Geheimhaltung ging das Morden aber an anderen Schauplätzen weiter.

3500 Opfer

Unter anderem am Steinhof: "Allein hier müssen wir von rund 3500 zusätzlichen Todesfällen zwischen 1941 und 1945 ausgehen", sagt Czech. Die Opfer – Patienten aus allen Altersgruppen – starben an systematischer Vernach­lässigung, Unter- und Mangelernährung und bewusst geförderten Infektionskrankheiten. Nach ihrem Tod wurden ihnen Gehirnteile entnommen, die zu Forschungszwecken aufbewahrt wurden. Unter den Opfern der NS-Ärzte sind nicht nur Patienten aus dem Großraum Wien: Um Spuren zu ver­wischen und den Kontakt zu den Angehörigen zu unterbinden, wurden auch Pa­tienten aus anderen Teilen des Dritten Reichs (z. B. aus Hamburg) nach Wien gebracht.

Straffrei

Viele der Verantwort­lichen wurden nach dem Krieg nie zur Rechenschaft gezogen. So etwa der am Steinhof tätige Psychiater Hans Bertha, laut Czech ein "überzeugter Verfechter der Euthanasie". In einem Volksgerichtsverfahren wurde er 1948 freige­sprochen, obwohl belastende Dokumente gegen ihn vor­lagen. 1960 bis zu seinem Tod 1964 leitete er die Grazer Nervenklinik, ohne je bestraft worden zu sein.

Auch wenn viele der Täter nicht mehr belangt werden können, bleibt laut Historiker Czech viel zu tun: "Noch immer gibt es für Wien keine systematische Erfassung der Opfer." Ein weiteres Feld, das Historiker noch aufarbeiten müssen, ist das Schicksal von Menschen in den Alters­heimen der NS-Zeit.

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