Leonesa: "Ich möchte allen Danke sagen"

Leonesa Mujaj
Foto: KURIER/Jeff Mangione Leonesa und ihre Eltern flüchteten 2007 aus dem Kosovo (Jabllanica) nach Österreich. Das Mädchen besucht die Karl Popper Schule in Wien

Das Schicksal der 12-jährigen Kosovarin hat viele bewegt. Leonesas mutiger Kampf für ein Bleiberecht.

Leonesa darf hoffen – darauf, in Wien und in Österreich bleiben zu dürfen und darauf, dass ihr Antrag auf humanitäres Bleiberecht erfolgreich endet. Das Schicksal der 12-jährigen Kosovarin hat nicht nur viele Menschen bewegt, sondern es hat auch eine Diskussion darüber ausgelöst, wie fair Asylverfahren in Österreich im Jahr 2012 abgewickelt werden (siehe Artikelende). In Wien sammelten Mitschüler Unterschriften. Eine Lehrerin schrieb Briefe an Behörden. Und als die Familie eine Wohnung suchte, vermittelte Theodor Klais von der Strabag eine Bleibe. Der Verein Wirtschaft für Integration stand beratend zur Seite. „Ich möchte all diesen Menschen Danke sagen“, betont Leonesa.

Nun entscheidet das Magistrat über die Zukunft der Familie. Das Verfahren kann bis zu einem Jahr dauern.

KURIER: Leonesa, was bedeutet Weihnachten für dich? Leonesa Mujaj: Wir sind ja muslimisch und feiern Weihnachten daher nicht. Wir holen das an Silvester nach und sitzen dann mit Freunden zusammen.

Die vergangenen Wochen waren turbulent: die drohende Abschiebung, die Angst vor der Fremdenpolizei. Ihr seid umgezogen und habt nun einen Bleiberechtsantrag gestellt. Was geht dir durch den Kopf, wenn du an all das denkst? Es ist viel passiert. Das stimmt. Aber ich glaube, dass ich das alles ganz gut verarbeitet habe. Ich mache mir auch nicht mehr so viele Gedanken, weil ich ja doch hoffe, dass wir jetzt in Wien bleiben dürfen.

Hast du trotzdem Sorge, dass ihr kein Bleiberecht bekommen könntet?Die Sorgen sind weg. Oder sagen wir: fast weg. Nur ab und zu stell ich mir die Frage, wie alles ausgeht. Aber die Träume sind verschwunden.

Was ist in den Träumen passiert ? Ich habe mir vorgestellt, wie ich alleine im Kosovo bin. Ohne Eltern. Aber auch sonst war niemand da. Nur ich. Das war furchtbar.

Du hast viel Hilfe von Lehrern und Mitschülern bekommen. Sie haben an Türen geklopft und Unterschriften gesammelt. Hast du damit gerechnet? Mit so viel Hilfe hab ich nicht gerechnet. Das war toll und ich möchte all diesen Menschen Danke sagen. Viele haben ja nicht verstanden, warum ich gehen muss. Sie waren wütend. Ich hab versucht, es ihnen zu erklären.

Wie erklärt man so was?Ich habe gesagt, dass es Verfahren gibt bei Behörden, die entweder positiv oder negativ ausgehen können – und dass unser Verfahren eben leider negativ ausgegangen ist.

Kannst du dich an jenen Oktobertag erinnern, an dem ihr von dem Urteil erfahren habt? Ja. Der Anwalt hat uns das in seinem Büro mitgeteilt. Meine Mutter und ich mussten weinen.

Warst du sauer, wütend oder traurig? Von allem ein bisschen. Vor allem war ich aber wütend auf mich selbst.

Warum? Ich hab mich gefragt, ob ich mich mehr hätte anstrengen sollen und ob die Richter anders entschieden hätten, wenn ich nur Einser im Zeugnis hätte.

Was würdest du den Politikern sagen wollen, die für die Gesetze in diesem Land zuständig sind? Dass man über Gesetze nachdenken soll. Wenn sich Menschen bemühen und die Sprache perfekt sprechen, soll man sie nicht abschieben.

Was war der Grund für eure Flucht im Jahr 2007? Das haben mir meine Eltern bis heute nicht erzählt. Irgendwann werde ich es erfahren.

Es gibt auch Leute, die sagen: In den Kosovo abgeschoben zu werden ist kein Drama. Das Land ist heute sicherer als vor wenigen Jahren. Was würdest du diesen Menschen antworten? Kein Drama? Für mich wäre es ein großes Drama. Viele Menschen haben keine Jobs und wenig zu essen. Ich hab dort keine Zukunft. Und ich würde all meine Freunde verlieren. Außerdem kann ich kaum albanisch.

Deine Lehrerin sagt, dass du Klassenbeste in Deutsch bist. Wie hast du die Sprache in so kurzer Zeit so gut gelernt? Das ist schnell gegangen. Nach sechs Monaten hab ich’s schon ganz gut gekonnt.

Wie geht das? Indem man gerne fernsieht und gerne Bücher liest.

Was möchtest du in deinem späteren Leben machen? Ich möchte Anwältin werden. Meine Mutter sagt, dass man als Anwältin gut verdient und man kann anderen Menschen helfen.

Und was wünscht du dir für das Jahr 2013? Dass wir für immer in Österreich bleiben dürfen.

Was bisher geschah: Ein Urteil & die Folgen
Das Gericht Der Asylgerichtshof stellte das Urteil am 12.10.2012 aus. Im Falle Leonesas gebe es „keine Hinweise auf substanzielle und nachhaltige Integrationsbestrebungen“. Familie Mujaj müsse „innerhalb von 14 Tagen ausreisen“. Doch die Richter hatten mit Leonesa nie gesprochen. Die 12-Jährige spricht fließend Deutsch und gilt in dem Fach als Klassenbeste. Beide Eltern haben Jobzusagen.

Die Kritiker Caritas, Asyl in Not und die Grünen forderten eine Reform des Asylgerichts. „Es muss öffentliche und mündliche Verhandlungen geben“, sagt Klaus Schwertner von der Caritas. „Fehlurteile könnten verhindert werden.“ Die ÖVP zeigte sich gesprächsbereit. Die SPÖ nahm zu dem Fall bis heute nicht Stellung. Das Innenministerium versicherte, dass derzeit keine Abschiebung drohe.

(kurier) Erstellt am
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