Chronik | Wien
12.02.2017

Kunstfehler: Wienerin will 20.000 Euro

Christine Fechner litt nach Operation zehn Jahre an Schmerzen, aber niemand nahm sie ernst.

Patienten nennen ihn den "Fleischhauer", weil er manchmal etwas "brutal" ist. "Aber er hat mir geholfen", sagt die Wienerin Christine Fechner über ihren Hautarzt. Er hat die 67-Jährige mit einer Pinzette von ihrem zehn Jahre dauernden Schmerz erlöst, den ihr ein Chirurg eingebrockt haben soll.

Die Leidensgeschichte der sportbegeisterten Pensionistin begann 2006. Wegen ihrer schlimmen Schmerzen durch beidseitigen Hallux (Schiefstand der großen Zehen) an den Füßen riet man ihr zu einer Operation. Und man empfahl ihr den Kapazunder Dr. T., bei dem Christine Fechner Privatpatientin wurde.

Chirurg Dr. T. operierte am 30. Juni 2006, und danach war alles noch viel schlimmer als zuvor. Es wurden Nähte gezogen, fünf Nachuntersuchungen durchgeführt, Physiotherapien in seiner Ordination gemacht. Der Therapeut sagte, Frau Fechner solle erst normale Schuhe anziehen, wenn sie schmerzfrei sei. Als Dr. T. die Patientin mit den Hallux-Schuhen durch seine Ordination humpeln sah, tat er den Rat des Therapeuten als Unsinn ab: Sie könne längst in gewöhnliche Schuhe schlüpfen, es sei alles bestens.

"Aber ich habe das nicht ausgehalten", schildert Christine Fechner dem KURIER: "Ich wollte mein früheres Leben wieder aufnehmen, doch das war nicht möglich." Noch neun Monate später erkannte ein Radiologe eine Schwellung am linken Fuß und empfahl eine MRT (Magnetresonanztomografie), das hielt er auch in einem Befund fest. Damit ging Christine Fechner zu Dr. T., der sie kurz davor extra zu einer Untersuchung eingeladen hatte: "Ich dachte, jetzt geht er der Sache auf den Grund."

Keine Überweisung

Aber in der Ordination wurde sie von einer Studentin empfangen, die an einer Studie über Hallux-Operationen arbeitete. Von Dr. T. war nichts zu sehen. Auf den Befund des Radiologen reagierte niemand, die Patientin bekam keine Überweisung zu einer MRT und auch keinen neuen Termin.

In den folgenden neun Jahren pilgerte Christine Fechner von Arzt zu Arzt, sie begab sich drei Mal auf Kur, sie bekam Moorpackungen und andere Therapien, nichts half. Fechner: "Und alle sagten: ,Da kann nichts sein. Wenn Dr. T. das für in Ordnung befunden hat, dann ist das in Ordnung‘."

Die Wienerin konnte wegen der Schmerzen im linken Fuß nur ganz flache Schuhe tragen. Im Theater musste sie aus den Schuhen schlüpfen, Skifahren war – mit nicht geschlossenen Skischuhen – nur noch maximal eineinhalb Stunden unter Schmerzen möglich, tanzen fast gar nicht mehr. Christine Fechner biss die Zähne zusammen: "Ich dachte, das ist eben daneben gegangen, damit muss ich leben."

Im Februar 2016 musste Christine Fechner zu ihrem Hautarzt. Sie ist seit Jahrzehnten gegen Mückenstiche allergisch, und ein Stich aus dem vorangegangenen Herbst hatte sich entzündet. "Ein Glücksfall", sagt Fechner. Sie wies auf einen schwarzen Tupfer auf ihrer linken großen Zehe hin: Ob da vielleicht der Stachel der Mücke drinnen stecke?

Hautarzt Dr. Markus Willeit nahm eine Pinzette, bohrte sie ohne viel Federlesen in die Zehe und zog einen 1,5 cm langen Faden samt Knoten heraus. "Sind Sie hier operiert worden?", fragte er. "Ja, vor über zehn Jahren", sagte Frau Fechner. Offenbar hatte sich eine innere Naht nicht von selbst aufgelöst, wie sie es sollte, oder war von Dr. T. einfach "vergessen" worden.

Seither ist Christine Fechner von den Schmerzen befreit: "Es ist ein neues Leben", jubiliert sie. "Das war ein super Skiurlaub heuer", berichtet die leidgeprüfte Wienerin: "Ich konnte erstmals wieder die Skischuhe zumachen. Davor habe ich nachts nicht einmal die Decke auf dem Fuß ausgehalten."

Komplikationslos

Das Ehepaar Fechner schrieb einen Brief an Dr. T., es kam keine Antwort. Im Kunstfehler-Prozess, bei dem Christine Fechner mithilfe ihres Top-Anwalts Gerold Beneder um wohlfeile 20.000 Euro für zehn Jahre Schmerzen kämpft, behauptete der Chirurg: Es sei bei der Operation und danach alles "komplikationslos" verlaufen.