Die OP fand 2006 statt.

┬ę /Kabeg

Naht vergessen
02/12/2017

Kunstfehler: Wienerin will 20.000 Euro

Christine Fechner litt nach Operation zehn Jahre an Schmerzen, aber niemand nahm sie ernst.

von Ricardo Peyerl

Patienten nennen ihn den "Fleischhauer", weil er manchmal etwas "brutal" ist. "Aber er hat mir geholfen", sagt die Wienerin Christine Fechner ├╝ber ihren Hautarzt. Er hat die 67-J├Ąhrige mit einer Pinzette von ihrem zehn Jahre dauernden Schmerz erl├Âst, den ihr ein Chirurg eingebrockt haben soll.

Die Leidensgeschichte der sportbegeisterten Pensionistin begann 2006. Wegen ihrer schlimmen Schmerzen durch beidseitigen Hallux (Schiefstand der gro├čen Zehen) an den F├╝├čen riet man ihr zu einer Operation. Und man empfahl ihr den Kapazunder Dr. T., bei dem Christine Fechner Privatpatientin wurde.

Chirurg Dr. T. operierte am 30. Juni 2006, und danach war alles noch viel schlimmer als zuvor. Es wurden N├Ąhte gezogen, f├╝nf Nachuntersuchungen durchgef├╝hrt, Physiotherapien in seiner Ordination gemacht. Der Therapeut sagte, Frau Fechner solle erst normale Schuhe anziehen, wenn sie schmerzfrei sei. Als Dr. T. die Patientin mit den Hallux-Schuhen durch seine Ordination humpeln sah, tat er den Rat des Therapeuten als Unsinn ab: Sie k├Ânne l├Ąngst in gew├Âhnliche Schuhe schl├╝pfen, es sei alles bestens.

"Aber ich habe das nicht ausgehalten", schildert Christine Fechner dem KURIER: "Ich wollte mein fr├╝heres Leben wieder aufnehmen, doch das war nicht m├Âglich." Noch neun Monate sp├Ąter erkannte ein Radiologe eine Schwellung am linken Fu├č und empfahl eine MRT (Magnetresonanztomografie), das hielt er auch in einem Befund fest. Damit ging Christine Fechner zu Dr. T., der sie kurz davor extra zu einer Untersuchung eingeladen hatte: "Ich dachte, jetzt geht er der Sache auf den Grund."

Keine ├ťberweisung

Aber in der Ordination wurde sie von einer Studentin empfangen, die an einer Studie ├╝ber Hallux-Operationen arbeitete. Von Dr. T. war nichts zu sehen. Auf den Befund des Radiologen reagierte niemand, die Patientin bekam keine ├ťberweisung zu einer MRT und auch keinen neuen Termin.

In den folgenden neun Jahren pilgerte Christine Fechner von Arzt zu Arzt, sie begab sich drei Mal auf Kur, sie bekam Moorpackungen und andere Therapien, nichts half. Fechner: "Und alle sagten: ,Da kann nichts sein. Wenn Dr. T. das f├╝r in Ordnung befunden hat, dann ist das in OrdnungÔÇś."

Die Wienerin konnte wegen der Schmerzen im linken Fu├č nur ganz flache Schuhe tragen. Im Theater musste sie aus den Schuhen schl├╝pfen, Skifahren war ÔÇô mit nicht geschlossenen Skischuhen ÔÇô nur noch maximal eineinhalb Stunden unter Schmerzen m├Âglich, tanzen fast gar nicht mehr. Christine Fechner biss die Z├Ąhne zusammen: "Ich dachte, das ist eben daneben gegangen, damit muss ich leben."

Im Februar 2016 musste Christine Fechner zu ihrem Hautarzt. Sie ist seit Jahrzehnten gegen M├╝ckenstiche allergisch, und ein Stich aus dem vorangegangenen Herbst hatte sich entz├╝ndet. "Ein Gl├╝cksfall", sagt Fechner. Sie wies auf einen schwarzen Tupfer auf ihrer linken gro├čen Zehe hin: Ob da vielleicht der Stachel der M├╝cke drinnen stecke?

Hautarzt Dr. Markus Willeit nahm eine Pinzette, bohrte sie ohne viel Federlesen in die Zehe und zog einen 1,5 cm langen Faden samt Knoten heraus. "Sind Sie hier operiert worden?", fragte er. "Ja, vor ├╝ber zehn Jahren", sagte Frau Fechner. Offenbar hatte sich eine innere Naht nicht von selbst aufgel├Âst, wie sie es sollte, oder war von Dr. T. einfach "vergessen" worden.

Seither ist Christine Fechner von den Schmerzen befreit: "Es ist ein neues Leben", jubiliert sie. "Das war ein super Skiurlaub heuer", berichtet die leidgepr├╝fte Wienerin: "Ich konnte erstmals wieder die Skischuhe zumachen. Davor habe ich nachts nicht einmal die Decke auf dem Fu├č ausgehalten."

Komplikationslos

Das Ehepaar Fechner schrieb einen Brief an Dr. T., es kam keine Antwort. Im Kunstfehler-Prozess, bei dem Christine Fechner mithilfe ihres Top-Anwalts Gerold Beneder um wohlfeile 20.000 Euro f├╝r zehn Jahre Schmerzen k├Ąmpft, behauptete der Chirurg: Es sei bei der Operation und danach alles "komplikationslos" verlaufen.

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