Chronik | Wien
05.12.2011

Kultursprecher sind keine "Wunderwuzzis"

Teil 2 des KURIER.at-Wahl-Checks: Die Bewerber ums "Pipifax-Ressort" über Integration durch Kultur, das Wiener Image und Musical-Bühnen.

Zu Beginn des Wahlkampfs bezeichnete ÖVP-Spitzenkandidatin Christine Marek das Kulturressort wegen des geringen Gestaltungsspielraums als "Pipifax-Ressort". Grund genug, die Kultursprecher der zur Wien-Wahl antretenden Parteien zu befragen, was moderne Kulturpolitik sein könnte. In Teil 1 (siehe "Hintergrund") wollten wir wissen, wie die Damen und Herren von von SPÖ, ÖVP, FPÖ, die Grünen, BZÖ und KPÖ zum Wiener Förderungssystem und zu den Musikschulen stehen. Lesen Sie nun in Teil 2, wie Kunst und Kultur die Integration fördern könnte, wie zeitgemäß Johann Strauß & Co. noch sind und wie es mit den Vereinigten Bühnen weitergehen soll. In der Bilderstrecke finden Sie die persönlichen Kulturvorlieben der Kandidaten.

KURIER.at: Integration über Kunst und Kultur? Wird diesbezüglich genug getan? Ihre Vorschläge?

Andreas Mailath-Pokorny ( SPÖ): Ich sehe die Vielfalt in dieser Stadt als Bereicherung und nicht als Bedrohung. Deshalb wurden in den letzten Jahren verstärkt Projekte initiiert bzw. unterstützt, die auf Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet sind und auch massiv von ihnen genutzt werden: So gibt es etwa die "Street Academy", bei der junge KünstlerInnen Workshops z.B. aus den Bereichen HipHop, Slam Poetry oder Rap halten. Etwa die Hälfte der KünstlerInnen und 90 Prozent der TeilnehmerInnen haben migrantischen Hintergrund, ebenso wie ein Drittel der Jugendlichen, die im Rahmen der Jugendförderschiene "Cash for Culture" Projekte umsetzen. In Zukunft geht es darum, dass in den Kultureinrichtungen der Stadt Menschen mit Migrationshintergrund noch stärker eingebunden werden und Raum bekommen, um ihre Anliegen und Sichtweisen darzustellen.

Franz-Ferdinand Wolf ( ÖVP): Natürlich wird zu wenig getan - wiewohl man aufpassen muss, dass Kunst (und Kultur) nicht bloß zu hübschen Instrumenten der Integration gemacht werden. Man wird verstärkt interkulturelle Impulse geben müssen, Projekte ausschreiben, Wettbewerbe und Calls organisieren. Ein starker Fokus hat in diesem Zusammenhang auch auf der Förderung der Kreativindustrie zu liegen. Musikschulen haben übrigens auch einen stark integrativen Aspekt.

Marco Schreuder ( Die Grünen): Wir brauchen ein neues inter- und transkulturelles Leitbild für Wien, das Migrantinnen und Migranten auch in traditionellere Kulturbetriebe einbindet und müssen Wege aus der Folklore-Förderung, die derzeit praktiziert wird, finden. Als im 19. Jahrhundert eine große Zuwanderungsbewegung aus Böhmen Wien erreichte, waren tschechischsprachige Stücke im Theater in der Josefstadt selbstverständlich. Warum also nicht Thomas Bernhard auf türkisch aufführen oder serbische AutorInnen zu Uraufführungen nach Wien einladen? Zudem ist es auch Aufgabe der Kulturpolitik, die noch nicht bekannte Kreativität der Zuwanderer zu entdecken und ihr Raum zu geben.

Heidemarie Unterreiner ( FPÖ): Integration über Kunst und Kultur wäre eine ideale Möglichkeit diese gelingen zu lassen - In Wien wird das Gegenteil gemacht. Es gibt kaum Förderungen, die das Zusammenwirken und Zusammenleben unterstützen, sondern es wird bewusst die gescheiterte Vision der Multi-Kulti Gesellschaft weiterhin angestrebt und gefördert. Es ist z. B. ein Fehler Vereine zu fördern, um damit eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Kultur ist keine Verzierung und kein Ornament, sondern das Fundament auf dem unsere Gesellschaft baut.

Michael Tscharnutter(BZÖ): Integration über Kunst und Kultur wäre genau der richtige Weg. Die Wiener Stadtregierung verfolgt aber genau den gegenteiligen Weg. Durch den Versuch einer multikulturellen Gesellschaft findet Desintegration statt, anstatt Kultur als gemeinsames Gut zu präsentieren. Das BZÖ ist für eine radikale Öffnung der Kultureinrichtungen für Zuwanderer und verstärkten Unterrichtsschwerpunkt in Schulen.

Dietmar Zach (KPÖ-Spitzenkandidat): Kann ich nicht beurteilen, da kein Wunder-Wuzzi. Und einen "hoch-offiziellen Kultursprecher" (der womöglich dafür bezahlt wird) gibt es bei uns nicht. Kunst und Kultur können, davon gehe ich aus, sicherlich einen Beitrag zur Integration von Menschen mit anderem
kulturellen Background leisten. Wobei, dies möchte ich betonen, Integration was anderes ist als Assimilation.

Wien - eine junge Stadt?

KURIER.at: Was halten Sie vom leicht angestaubten Wiener Image? Stichwort: Strauß, Schönbrunn und Sängerknaben?

Andreas Mailath-Pokorny ( SPÖ): Das stimmt doch schon längst nicht mehr. Es ist die Mischung von Tradition und Moderne, die den besonderen Reiz der Kulturhauptstadt Wien ausmacht. Wien ist nicht nur eine Musik- und Theaterstadt par excellence, sondern hat beispielsweise auch in der Bildenden Kunst, bei Design, Mode und Architektur oder im Filmbereich Herausragendes vorzuweisen. Die Stadt ist in den letzten Jahren auch viel lebendiger geworden: Zahlreiche, früher kaum belebte Stadtgebiete wie die Gürtelbögen, das Brunnenviertel in Ottakring, das Museumsquartier oder der Karlsplatz sind heute urbane Hotspots. Erst unlängst hat das renommierte deutsche Magazin "art" in seiner Titelgeschichte "Wien rockt!" diese Entwicklung gewürdigt. Die Stadt Wien fördert diese "Verjüngung" maßgeblich und sorgt mit verschiedenen Maßnahmen gleichzeitig dafür, dass das ausgeweitete Kulturangebot auch von möglichst vielen Menschen genutzt werden kann - Stichwort Gratis-Eintritt für Jugendliche in den Museen.

Franz-Ferdinand Wolf ( ÖVP): Davon lebt Wien und der Tourismus. Das ist zu erhalten und zu fördern. Im übrigen geht es darum, das zeitgenössische und aktuelle künstlerische Potenzial Wiens zu fördern - damit jetzt eine bunte Szene entsteht und die jetzt geschaffenen Werke in hundert Jahren Touristen nach Wien locken.

Marco Schreuder ( Die Grünen): Klischees gehören zu jeder Stadt und machen auch Teil ihres Charmes aus. Wer denkt bei Venedig nicht an Gondeln? Allerdings stellt sich bei manchen Förderungen die Frage, ob es sich nicht vielmehr um touristische und wirtschaftliche Förderungen handelt, die nichts mit Förderung für Künstler und Künstlerinnen zu tun haben. In manchen sozialdemokratischen Bezirken werden Kulturförderungen sogar für die Weihnachtsbeleuchtung von Einkaufsstraßen ausgegeben - Geld, das den Wiener Künstlerinnen und Künstlern fehlt. Hier braucht es mehr Ehrlichkeit und eine klare Definition: Was ist eine Kultur- und Kunst-Förderung und was dient dem Wiener Marketing im touristischen und wirtschaftlichen Sinn?

Heidemarie Unterreiner ( FPÖ): Dieses Image ist nicht angestaubt. Das Bewahren unseres Kulturerbes darf kein Widerspruch zu einer blühenden zeitgenössischen Kunstszene sein, in der Kreativität gefördert werden soll. Alles was unsere Weltkulturstadt Wien als einzigartig ausmacht, soll bewahrt und weitergetragen werden. Wien ist eine Weltmetropole, aber keine Allerweltsmetropole.

Michael Tscharnutter (BZÖ): Wien hat kein verstaubtes Image, Wien betreibt eine Kulturpolitik, die sich darauf beschränkt internationale Produktionen bei Festivals zu präsentieren ohne eine regionale Note zu fördern. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, etwa bei den Wiener Festwochen wieder gezielt Wiener Produktionen in den Mittelpunkt zu stellen. Oder auch Wien als Filmstadt mit einer eigenständigen Produktion für die Zukunft zu etablieren.

Didi Zach ( KPÖ): "Leicht angestaubt" trifft's sicherlich. Angesichts der großen medialen Inszenierungen des Neujahrskonzerts und anderer Events, die angeblich hunderttausende TouristInnen und damit Kohle nach Wien locken, wundert mich dieses Image aber nicht.

Braucht Wien zwei Musical-Bühnen?

KURIER.at: Wie soll es mit den Vereinigten Bühnen weitergehen? Was sind Ihre Pläne für das Musical?

Andreas Mailath-Pokorny ( SPÖ): Mit dem Theater an der Wien als einem der erfolgreichsten Opernhäuser Europas und zwei gut gebuchten Musical-Bühnen läuft es bei den Vereinigten Bühnen derzeit ganz hervorragend und ich kann mir nur eine Fortsetzung dieser Situation wünschen.

Franz-Ferdinand Wolf ( ÖVP): Es sind tiefgreifende Strukturreformen notwendig, damit der jährliche Subventionsbedarf, der derzeit bei gut 40 Millionen Euro (ohne Investitionen in Bau und Gebäude) liegt, nicht weiter steigt. Musical rechnet sich überall auf der Welt. Nur in Wien ist die Sparte ein Defizitbringer. Also: Wenn schon Musical im kommunalen Theaterverbund, dann wenigstens kostendeckend.

Marco Schreuder ( Die Grünen): Wenn die Grünen mit der SPÖ verhandeln, werden wir eine unabhängige ExpertInnen-Kommission verlangen, die sich Fördermodelle anderer Städte ansiehet, Vergleiche anstellt und Vorschläge unterbreiten soll. Denn es ist tatsächlich nicht einsehbar, warum eine - natürlich legitime und beliebte - Kunstform woanders ohne öffentliche Mittel auskommt, aber in Wien mit Millionen-Subventionen gefördert wird. Außerdem muss überprüft werden, ob Wien tatsächlich zwei hoch subventionierte Musical-Bühnen braucht. Musicals sind ein Erbe aus der Zilk/Pasterk-Zeit. Mittlerweile hat aber jede mittelgroße Stadt eine Musical-Bühne und der touristische Mehrwert ist viel geringer geworden. Die Vereinigten Bühnen brauchen daher besonders in der Musical-Sparte einen völligen Neustart.

Heidemarie Unterreiner ( FPÖ): Alle Tendenzen weisen darauf hin, dass Wien in Zukunft nicht zwei Musical-Bühnen braucht. Es muss eine seriöse Evaluierung der Entwicklung der Musical-Bühnen in Wien stattfinden. Über eine sinnvolle Nutzung der beiden zur Verfügung stehenden Musical-Bühnen soll eine breite und offene Diskussion geführt werden.

Michael Tscharnutter (BZÖ): >Absetzung der Intendantin sofort. Langweilige Produktionen vor leeren Sälen, wie bei den "Producers" und niveaulose Aufführungen wie bei "Tanz der Vampire" prägen das Bild. Das Ronacher ist renovierungsbedürftig. Auf der ganzen Welt werfen Musical-Produktionen Gewinne ab, nur in Wien sind sie kostspielig. Wien muss die VBW auflösen und völlig neu - unter privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten - aufbauen.

Didi Zach ( KPÖ): Es gibt, so meine ich - wie ja auch in der vorigen Antwort schon angedeutet -, Kunst und Kultur jenseits von "Tanz der Vampire", "Elisabeth" & Co. Und vor allem glaube ich, dass es in Wien Probleme gibt, die schneller und dringender einer Lösung zugeführt werden müssen, als die Frage des strategischen Konzepts der Vereinigten Wiener Bühnen.

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