Kulturerbe ist nun pures Gold wert

Am Donnerstag wird "Vergolden & Staffieren" als Traditionsträger prämiert. Zu Besuch in einem Atelier.


Waltraud Luegger bei der Arbeit in ihrem Atelier „GoldRichtig“. 14 Schritte sind beim Vergolden notwendig. Die Blättchen werden mit Eichkätzschenschweif-Pinseln aufgetragen.

Waltraud Luegger holt das Vergolderbrett mit den zerknitterten Goldblättchen hervor. Sie pustet leicht auf eines der Blättchen, um es zu glätten, schneidet es dann in gleichmäßige Stücke. Mit dem Eichkätzchenschweif-Pinsel nimmt sie ein Goldstück auf und "schießt" es auf die mit Branntwein benetzte Bordüre des Holzstuhls.

Die 41-Jährige, die nun die Augen zusammenkneift und überprüft, ob das Blättchen auch gut sitzt, ist Vergolderin und Staffierermeisterin. Sie hat Arbeiten im Konzerthaus oder im Musikverein durchgeführt, Wände im "Park Hyatt"-Hotel versilbert oder auch die berühmte Tapetentür in der Hofburg restauriert.

Dem kommenden Donnerstag blicken die Branchensprecherin in der Wirtschaftskammer Wien und ihre Kollegen mit Freude entgegen. Dann wird das Handwerk "Vergolden und Staffieren" – auf Lueggers Initiative und durch wissenschaftliche Unterstützung – in die Liste des immateriellen UNESCO-Kulturerbes aufgenommen.

Ein Prädikat für traditionelle Handwerkstechniken, die "als Quelle kultureller Vielfalt" gesehen werden.

Mündlich tradiert

Und das, hat der UNESCO-Fachbeirat entschieden, trifft beim Vergolden zu. Ist es doch ein Handwerk, das seit der Antike praktiziert wird, dessen Wissen stets mündlich weitergegeben wird und dessen meisterliche Beherrschung nach fünf Jahren erreicht ist. Gut Ding braucht eben Weile.

Das gilt auch für die Arbeit an sich. Zwei Wochen wird Waltraud Luegger wohl brauchen, bis der Holzstuhl vollständig vergoldet ist.

Denn bis das Gold angebracht werden kann, sind 13 Arbeitsschritte notwendig: Nach der Hasenhautleimschicht wird sechs Mal Bologneser-Kreidegrund aufgetragen. Anschließend wird händisch geschliffen. Es folgen Polimentschichten, dann erst wird "angeschossen" und gegebenenfalls poliert.

Waltraud Luegger streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor sie mit dem Eichkätzenschweif-Pinsel das nächste kleine Goldstück anbringt. Zentimeter für Zentimeter arbeitet sie sich voran.

Das mag langwierig wirken, sie selbst kann sich seit ihrer Kindheit in der Steiermark keinen besseren Beruf vorstellen. "Ich war in der Jungschar und habe dadurch viel Zeit in meiner Heimatkirche verbracht. Dabei sind mir die Engel auf der Kanzel aufgefallen, denen die Zehen gefehlt haben. Und ich hab mir gedacht, wie schön es doch wäre, wenn man die herrichten könnte."

Mit 16 Jahren fing sie die entsprechende Lehre an, mit 19 Jahren zog sie nach Wien. Zunächst als Mitarbeiterin, seit 2004 hat sie ihr eigenes Atelier "GoldRichtig". Dafür hätte sie kaum eine passendere Adresse finden können: Es liegt ausgerechnet in der Goldeggasse 21.

In die Auszeichnung durch die UNESCO setzt die Wahlwienerin viel Hoffnung. "Vergolder haben in der Vergangenheit unzählige Kunstwerke in Österreich geschaffen und über die Jahre hinweg restauriert, die Wiener schätzen und für die Touristen extra anreisen", sagt sie und meint etwa das Schönbrunn, das Stift Melk, Kirchen und Schlösser im ganzen Land, die Räumlichkeiten des Palais Liechtenstein.

Weg in die Zukunft

Doch in der jüngsten Zeit würde das Handwerk, das seine Hochzeit im Barock und Rokoko hatte und auch in der Jugendstil- und Art-Deco-Zeit noch sehr gefragt war, mehr und mehr in Vergessenheit geraten. 81 Vergolder gibt es aktuell in Österreich, 23 davon in Wien. "Heute kennen nur wenige unseren Beruf", meint sie. "Wir werden oft mit Goldschmieden, Galvaniseuren (Metallschelifer, Anm.) oder Restauratoren verwechselt."

Das Handwerk müsste in die Zukunft gehoben werden, es müssten mehr Lehrlinge ausgebildet werden können, meint sie. Aufgabenbereiche gebe es jedenfalls genug. Der Blick fällt auf die vergoldeten Schuhe, die hinter dem Tresen stehen. "Die Menschen müssten nur mehr Bescheid wissen, wer sich mit Blattvergoldungen auskennt", sagt sie – und hofft, dass genau das durch die UNESCO-Auszeichnung passieren wird.

Österreich

Vom Ausseer Fasching zum Wiener Walzer

13 Traditionen werden am 9. November als immaterielles Kulturerbe bestätigt

Das Vergolden und Staffieren ist nicht die einzige Tradition, die am Donnerstag im Wiener  Augartepalais als Teil des „österreichischen  immateriellen Kulturerbes“ bestätigt wird: Es werden dreizehn Traditionen ausgezeichnet, die zwischen 2016 und 2017 von der UNESCO   gekürt wurden.
Insgesamt sind damit bis dato 103 heimische Traditionen  in diesem Verzeichnis festgehalten worden.

Kategorie „Darstellende Künste“ In diesem Bereich werden vier Brauchtümer annotiert: Die Ausbildungs-und Chortradition der Wiener Sängerknaben, die existierende Spielpraxis des Salzburger Marionettentheaters, die Wiener  Spielweise der Zither sowie der Wiener Walzer – und zwar gespielt, getanzt und auch gesungen.
Kategorie  „Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste“ In dieser Rubrik wird die Liste um drei Traditionen reicher: Aufgenommen wird zum einen der  Ausseer Fasching mit seinen Trommelweibern (die  in blütenweiße Nachtgewänder und Schlafhauben gekleidet sind), den Frühlingsgestalten namens Flinserl  sowie  dem Pless (den in wattierte Kleider gehüllte Männern).
Anerkannt wird auch das Axamer Wampelerreiten, ein Fastnachtsbrauch aus Tirol. Dabei versuchen Reiter, die „Wampeler“ auf den Rücken zu werfen. Allerdings fallen diese weich, denn ihre Wampe  aus Heu gibt ihnen Polsterung.  
Das dritte Ritual ist das Taubenschießen in Altaussee. Jährlich trefft sich  vom  ersten Sonntag nach Allerheiligen bis eine Woche vor dem Faschingssonntag  ein Verein in Altaussee zum traditionellen Schießen mit einer hölzernen Taube.
 Kategorie  „Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur“: Zwei Auszeichnung gibt es in dieser Klasse: Nämlich das Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr sowie das Zweidrittelgewicht Landeck, eine  Gemeinschaft zur speziellen, historischen  Bewirtschaftung der Galtvieh- und Schafalmen in Tirol (Galtvieh bezeichnet ein noch nicht milchgebendes Rind, Anm.).
Kategorie  „Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen“In diesem Bereich wurde der Montafoner Dialekt „Muntafunerisch“ (Vorarlberg) dazugenommen.
Kategorie „Traditionelle Handwerkstechniken“Neben dem Vergolden und Staffieren wird in dieser Rubrik  die Herstellung und Verwendung der Linzer Goldhaube sowie die Herstellung von Terrazzo (ein seit der Antike bekannter Bodenbelag) prämiert.
Die Wiener Fiakerfahrer, die, wie berichtet, vergangenen Dezember einen Antrag stellten, wurden hingegen nicht aufgenommen. 

(kurier) Erstellt am
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