Chronik | Wien
30.06.2017

Krisenzentrum: "Wir schicken sicher keine Kinder weg"

Werden Kinder aus ihren Familien geholt, kommen sie zuallererst ins Krisenzentrum. Sie kommen aus unterschiedlichen Milieus und Kulturen, haben verschiedene Leidenswege hinter sich. Manche erfuhren Gewalt, andere wurden massiv vernachlässigt.

Warum bist du hier gelandet? Wann wirst du entlassen? Darfst du wieder zu deiner Familie zurück? Es sind genau diese Fragen, die sich die Kinder hier im Krisenzentrum gegenseitig stellen, wenn sie sich kennenlernen. Als wäre es das Normalste der Welt anzunehmen, dass man vielleicht nicht wieder zur eigenen Mutter darf. Kinder, die sich bis vor kurzem noch nie über den Weg gelaufen sind, müssen sich hier nun alles teilen.

Das frisch renovierte Altbauhaus steht in der Wasnergasse im 20. Wiener Gemeindebezirk. Die Räume sind hoch, die Wände frisch und blendend weiß gestrichen, die Sonne scheint herein. „Sozialpädagogische Einrichtung“ steht draußen am Eingangstor. Im ersten Stock befinden sich die Büros der Mitarbeiter, im zweiten Stock das Krisenzentrum, im dritten Stock liegen die zwei Wohngemeinschaften mit je acht Schlafplätzen für Kinder, die dauerhaft fremduntergebracht werden müssen.

Im Krisenzentrum ist es heute recht ruhig. Doch die bunten Wände, Malereien und Spielsachen lassen es dennoch lebhaft wirken. An der Wand hängt ein Kümmerkasten, kein Kummerkasten. Im großen Aufenthaltsraum stehen auf der einen Seite die Spielkonsole und der Internetzplatz, auf der anderen die Puppenküche und Spielbälle. Ein Kinderzimmer für Drei- bis Sechzehnjährige.

Die meisten sind jetzt gerade in der Schule oder im Kindergarten. Ein langer Gang führt zu den Zimmern. Hauptsächlich Einzelzimmer. Ein zehnjähriger Bub blinzelt schüchtern aus einer der Türen heraus. Das Namensschild verrät, dass er Daniel heißt. Daniel hat eine so genannte „Biographische Landkarte“ mit einer der Betreuerinnen gezeichnet. Diese Karte ist eines der vielen Hilfsinstrumentarien, um eine Einschätzung des Umfeldes und der Beziehungen des Kindes zu gewinnen. „Papa Georg“ ist rot umrahmt. Rot bedeutet „nicht so wichtig oder seltener Kontakt“. Vor zwei Jahren hat er ihn das letzte Mal gesehen. Die Karte hängt an der Innenseite von Daniels Zimmertüre.

Entscheidet das Jugendamt, ein Kind aus der Familie zu nehmen, so kommt es zuallererst ins Krisenzentrum. Im Schnitt verbringen die Kinder sechs Wochen hier. Sie sind zwischen drei und 16 Jahre alt. Sie kommen aus unterschiedlichen Milieus und Kulturen, haben verschiedene Leidenswege hinter sich. Manche erfuhren Gewalt, andere wurden massiv vernachlässigt. Einigen passierte beides. Die einen sind froh, dass sie vom grausamen Vater weg durften, andere weinen und schreien bitterlich. Man kann sich vorstellen, was diese Situation auch für die Mitarbeiter bedeutet. Aus Sicherheitsgründen sind die Küchenladen mit den Messern verriegelt, wegen der unberechenbaren Kinder. Die Fenster darf man nicht ganz öffnen, wegen der ganz kleinen Kinder.
Wird ein Kind zu laut oder aggressiv, holt ihn einer der Sozialpädagogen aus der Gruppe heraus und dann besuchen sie den nahe gelegenen Augarten. Damit das Kind Energie abbauen kann.

Gerade wegen der furchtbaren Umstände, die die Kinder hier hergeführt haben, wird von den Mitarbeitern im Haus alles gegeben, um den Aufenthalt hier so schön wie möglich zu gestalten. Worum sich deren Eltern nicht gekümmert haben, das übernehmen jetzt Michael Körber und sein Team. Er ist der sozialpädagogische Leiter des Krisenzentrums. Groß, schlank, sportlich. Mit Gel aufgestelltes Haar. Heute im weißen Polo und Jeans gekleidet. Immer im leichten Laufschritt unterwegs. Doch so hektisch und chaotisch sein Job manchmal auch ist, wenn Körber über seine Kinder spricht, wird er ganz ruhig und ernst.

Wenn sein Telefon läutet, weiß er, es kommt ein neues Kind. Er erhält dann vom Jugendamt rasch die wichtigsten Informationen: Alter, Geschlecht, Gefahrensituation. Eine Stunde später empfängt Körber das Kind im Beratungsraum. Da es der allererste Kontakt mit ihm ist, geht er besonders behutsam vor. „Ich muss dem Kind an dieser Stelle erklären, warum es hier ist. Ich erkläre ihm, dass es sein Recht ist, gewaschen zu werden oder nicht geschlagen zu werden.“
Diese sehr besondere und heikle Situation könne man nie vorhersehen. Manche der Kinder sind im Schock, andere ganz ruhig, viele weinen und haben Angst. Mit jedem von ihnen müsse man anders umgehen, die Lebensrealitäten liegen oft Welten auseinander. Das Kindeswohl habe immer Vorrang. Hier, an diesem Ort, sollen die Kleinen das Gefühl bekommen, dass sie das Wichtigste sind. „Vor kurzem wohnte ein 14-jähriges Mädchen hier. Sie wurde sexuell missbraucht vom Vater. Die Mutter hat nichts gesagt. Das Mädchen hat darauf bestanden, beide Eltern auf keinen Fall sehen oder hören zu wollen. Dem wird von unserer Seite dann gefolgt“, erzählt Körber.

Auch während dem Gespräch mit Kurier.at wird Körber gerufen. Er springt auf, entschuldigt sich, stürmt aus dem Raum. „Ein Geschwisterpaar, wir brauchen noch ein Bett“, sagt er als er fünf Minuten später wieder zurückkommt. Eigentlich ist das Krisenzentrum voll belegt. „Wir schicken aber sicher keine Kinder weg.“

Wie kommt ein Kind ins Krisenzentrum?

Wenn Sozialarbeiter von einer vermuteten Gefähr­dung eines Kindes erfahren, müssen sie zur Sicherung des Kindeswohles aktiv werden. 2015 war das in Wien 13.532 Mal der Fall. Die meisten Meldungen kamen von Polizei oder Schule und Kindergarten. Oder die Sozialarbeiter entschieden dies in Eigenwahrnehmung. Anschließend folgt eine Gefährdungsabklärung. Sollte der Schutz des Kindes während dieser Abklärung in der Familie nicht ausreichend gewährleistet sein, kann eine vorrübergehende Aufnahme in einem Kri­senzentrum (Kinder ab drei Jahre) oder bei Krisenpflegeeltern (Babys und Kleinkinder bis drei Jahre) erfolgen.

1018 Kinder wurden im Jahr 2015 in Wiener Krisenzentren untergebracht, 300 mehr als in dem Jahr davor. Ziel der ist es, die Gefährdung des betroffenen Kindes zu beenden, sodass es wieder bei seiner Familie leben kann. Ist dies aber nicht möglich, wird das Kind in einer der Wohngemeinschaften leben und vielleicht sogar bei dauerhaften Pflegeeltern.

Damals und heute

„Wir brauchen mehr Pflegeeltern und Krisenpflegeltern“, sagt Antonio Strauß. Sein Büro liegt im Stock unter dem Krisenzentrum. Ledercouch, moderne Einrichtung, in der Ecke lehnt eine Gitarre. Strauß, weißes Haar, braun gebrannt, Tommy Hilfiger-Hemd. Er spricht sehr langsam und bedacht, wenn man ihn nach seinem Job hier fragt. Vier Jahrzehnte arbeitet er bereits in der Branche. Heute ist er Regionsleiter für den 20. und 21. Bezirk. „Ein wichtiger Teil meines Jobs ist es, die geeigneten Plätze für die Kinder zu finden.“

Das Team „Strauß und Körber“ scheint sehr gut zu funktionieren. Körber steht direkt im Krisenzentrum, Strauß kümmert sich um die Ebenen darüber, er hat beispielsweise die letzte Entscheidung bei dauerhaften Fremdunterbringungen.

Seine Karriere begann in einem Kinderheim, das er geleitet hat. „Damals gab es noch riesige Schlafsäle, die Zustände kann man überhaupt nicht mehr vergleichen, zum Glück“, sagt Strauß. Denn heute, da stünde das Bedürfnis des Kindes im Zentrum. Einzelzimmer, Rückzugsorte, angepasste Therapien, Kinderrechte. „In Österreich hat sich wirklich sehr viel getan“, sagt Strauß, der auch Psychotherapeut ist.

Fragt man ihn, ob es denn genügend Platz hier in der Wasnergasse für die Kinder gibt, blickt er seinen Kollegen Körber an. „Wissen Sie, ich habe da eine geteilte Meinung“, sagt Strauß. „Ich bin wirklich dafür, die ambulanten Hilfestellungen zu verbessern, den Familien direkt zu helfen.“ Demnach sollte es vermieden werden, das Kind aus der Familie zu holen, da es ja Teil der Familie ist. „Man kann einem System nicht helfen, wenn man es zerreißt. Das Kind ist Teil des Systems Familie“, erklärt Strauß. Aber selbstverständlich gebe es Situationen, wo die Fremdunterbringung die beste Möglichkeit sei, bei sexueller Gewalt etwa.

Das wichtigste in ihren Jobs sei Empathie, Reflexion und Kreativität, sagen die beiden. „Ehemalige Bewohner des Krisenzentrums haben uns Feedback gegeben“, erzählt Strauß. Das würde er sehr ernst nehmen. Demnach sei es das Wichtigste für die Kinder, zu erfahren, wie es mit ihnen weitergeht. Wo komme ich hin? Und wann wird das passieren? „Heute machen wir es so, dass wir die Wohngemeinschaft vorher im Internet suchen, dann sehen wir sie uns mit dem Kind gemeinsam an. Es kann sich also langsam daran gewöhnen“, sagt Körber. Und im absoluten Idealfall wären die Eltern sogar bei der Besichtigung dabei. Aber Strauß‘ und Körbers Gesichter zeigen, dass dies nicht allzu oft vorkommt.

Ein wichtiger Termin

Die zwei Männer führen stolz durch die Räumlichkeiten in der Wasnergasse. Gerade ist Dienstübergabe im Krisenzentrum, die Sozialpädagogen besprechen die „Fälle“ und die Tagestermine der Kinder. Auch Strauß muss jetzt zu einem Termin. „Ein sehr wichtiges Treffen“, sagt er. Er besucht jetzt einen kleinen Jungen, der drei Monate hier gelebt hat. In dieser Zeit ist die Mutter verschwunden, sonst war keiner mehr aus der Familie des Jungen da. Strauß hat den Kleinen bei einer Kinderdorf-Familie untergebracht. „Und heute besuche ich ihn dort. Ich will wissen, wie es ihm geht.“