Chronik | Wien
04.03.2013

Kloster ist nur Zwischenstation

Die Flüchtlinge im Servitenkloster wollen verhandeln und schließen weitere Besetzungen nicht aus.

Es ist einer der nobleren Flecken der Stadt: Mitten in Alsergrund steht die mächtige Servitenkirche. Rund um den malerischen Kirchenplatz finden sich unzählige Lokale und Bars. Es ist eine Mischung aus jungen Bobos und gutbürgerlichen Pensionisten, die hier leben. Und das nicht billig. Es ist eine exklusive Gegend. Und genau hier, im Herzen des Servitenviertels, leben nun 63 Flüchtlinge.

Es sind jene Männer, die am Sonntag ihre wenigen Habseligkeiten in ein paar Säcke gepackt und nach zweieinhalb Monaten Besetzung die Votivkirche verlassen haben. „Hier haben wir ein Heim, in dem wir ausdrücklich willkommen sind“, sagt Khan Adalat.

Im Grätzel weiß man aus den Medien über die neuen Nachbarn. „Da haben sie sich eine gute Lage ausgesucht“, meinen zwei Angestellte des Restaurants „Mar“ augenzwinkernd. „Uns stören sie nicht – so lange sie nicht Kunden anbetteln.“ Und auch ein hier ansässiges Ehepaar nimmt es locker: „Solange sie keine Probleme machen, sollen sie hier bleiben“, sagen Vera und Harald Soukup.

Ein paar Meter weiter, im Keller des Klosters, haben die Flüchtlinge zur Pressekonferenz geladen. Hinter dem massiven Holztisch haben neben den Flüchtlingen auch Bischofsvikar Dariusz Schutki und Caritas-Geschäftsführer Klaus Schwertner Platz genommen. Dutzende Flüchtlinge stehen hinter ihnen. Doch ein Platz bleibt frei. Der von Khan Shajahan. Jener Flüchtling, der vor wenigen Tagen vor der Votivkirche von der Fremdenpolizei festgenommen wurde. „Wir wollen, dass er wieder zurückkommt. Er hat in der Schubhaft wieder mit dem Hungerstreik begonnen“, sagen die Flüchtlingssprecher.

Flüchtlinge ziehen ins Servitenkloster

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Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche übersiedlung…

Votivkirche übersiedlung…

Votivkirche übersiedlung…

Votivkirche übersiedlung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Votivkirche Räumung…

Als Aufgabe sehen die Flüchtlinge ihren Auszug aus der Votivkirche nicht. „Das hier ist kein dauerhafter Ort für uns, das soll kein Mini-Traiskirchen werden“, erklärt Sprecher Mir Shiangir. „Wir wollen zwei, drei Monate bleiben. Wenn es bis dahin keine Lösung gibt, werden wir vielleicht unseren Protest anderswo hintragen und andere Orte besetzen.“

Bis dahin wolle man mit den Behörden verhandeln und auch körperlich anpacken. „Wir wollen an der Renovierung und der Erhaltung des Klosters teilnehmen. Wir stellen unsere Arbeitskraft zur Verfügung.“

Bis zum Sommer dürfen die Männer bleiben. „Auch hier stehen sie unter dem Schutz der Kirche“, sagt Caritas-Sprecher Schwertner. Bis dahin rechnet er auch nicht mit weiteren Verhaftungen. „Die Flüchtlinge werden im Servitenkloster gemeldet. Sie helfen aktiv mit. Unserer Meinung nach können sie dann nicht in Schubhaft genommen werden.“

Das sieht das Innenministerium anders: 26 der 63 Männer haben einen negativen Asylbescheid. „Wir werden mit jedem eine Perspektiven-Beratung machen. Aber das Fremdengesetz gilt auch im 9. Bezirk“, erklärt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums.

Kardinal Christoph Schönborn, der zurzeit in Rom das Konklave vorbereitet, ist über die freiwillige Räumung der Votivkirche erleichtert und hofft auf einen Dialog mit den Behörden. „Es muss darum gehen, konkret und konstruktiv das Flüchtlingswesen in Österreich zu verbessern.“

Chronologie

24. November 2012: Etwa 200 Asylwerber aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen marschieren nur leicht bekleidet und frierend nach Wien, um für menschenwürdige Bedingungen zu demonstrieren. Ihre Bekleidungspakete im Flüchtlingslager lassen sie unberührt. Im Sigmund-Freud-Park errichten sie ein Zeltlager.

18. Dezember 2012: Einige Asylwerber besetzen die Votivkirche.

19. Dezember 2012: Die Flüchtlinge fordern ein Gespräch mit dem Innenministerium.

23. Dezember 2012: Der Hungerstreik beginnt.

24. Dezember 2012: Rund 40 Personen nehmen das Angebot der Caritas an und übersiedeln aus Kirche und Park in ein Notquartier.

28. Dezember 2012: Die Polizei räumt das Camp im Sigmund-Freud-Park.

22. Jänner 2013: Die Asylwerber unterbrechen ihren Hungerstreik für zehn Tage.

10. Februar 2013: Neun Mitglieder der rechtsextremen Gruppierung „Die Identitären“ besetzen die Kirche und müssen unter Schutz der WEGA rausgebracht werden.

13. Februar 2013: Bundespräsident Heinz Fischer appelliert an die Flüchtlinge, in Ersatzquartiere zu ziehen.

3. März 2013: Die Flüchtlinge ziehen von der Votivkirche ins Servitenkloster.