Chronik | Wien
02.07.2017

Klimawandel: Die grüne Revolution der Städte

Heißen Tage werden zunehmen. Wieso Grünflächen im urbanen Raum deshalb wichtiger werden.

Ohne Jacke außer Haus gehen, bis spätabends im Schanigarten sitzen, grillen, Schwimmen gehen. Bei den meisten Österreichern weckt der Sommer wohl angenehme Assoziationen. Doch was, wenn die Sonne einmal nicht mehr mit Spaß und Entspannung, sondern mit Stress und Anspannung verbunden wird?

Laut einer Prognose der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) wird es bis 2021 im Schnitt 19 Hitzetage (Tage mit mehr als 30 Grad Celsius, Anm.) pro Jahr geben. 2071 werden es dann 41 sein. Zum Vergleich: Zur Jahrtausendwende waren es 10 Tage mit mehr als 30 Grad. Auch wenn es manche nicht wahrhaben möchten: Der Klimawandel existiert und die Auswirkungen werden immer stärker spürbar: Aufgeheizte Straßen und Häuser, Tropennächte, mehr Rettungseinsätze aufgrund der Kreislaufbelastung.

Abgesehen von Maßnahmen, die den Klimawandel verlangsamen sollen, konzentrieren sich Wissenschaft und Politik immer stärker auf die Frage: Wie können Großstädte an die veränderten Bedingungen angepasst werden? Wie können heiße Tage in ihnen so erträglich wie möglich werden?

"Die Grundproblematik in der Stadt" erläutert Universitätsprofessorin Katrin Hagen, vom Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der TU Wien, "ist, dass die natürlichen Oberflächen großteils verschwunden sind. Dadurch fehlen die versickerungsfähigen Flächen, die Wasser aufnehmen können (durch die Verdunstung des Wasser würde nämlich Kühle entstehen). Dazu kommt, dass sich die neuen Oberflächen – also Beton, Asphalt, etc. – sehr stark erhitzen und sogenannte Hitzeinseln ( Urban Heat Islands) bilden." Die gilt es nun einzudämmen. Dazu hat die MA 22 (Wiener Umweltschutzabteilung) mit Experten einen eigenenStrategieplanerarbeitet. Simpel ausgedrückt wird ein großes Ziel verfolgt: So viel Grün zu schaffen, wie nur möglich. Wiesen und Sträucher, Büsche und Bäume.

90.000 Straßenbäume und 160.000 Anlagenbäume betreut die Stadt Wien derzeit. Rund 2000 von ihnen müssen jährlich gefällt und ersetzt werden. Neben Schädlingen, Beschädigungen durch Verkehrsunfälle oder Bauarbeiten, kommen immer stärker zwei Komponenten zum tragen: Hitze und Trockenheit.

Baumpatenschaften

Die 17-jährige Währingerin Annabelle Schleser geht an heißen Tagen nach Sonnenuntergang mittlerweile mit dem Gartenschlauch bewaffnet vor die Haustür – und gießt die zwei jungen Bäume, die direkt vor dem Haus auf der Alsegger Straße stehen. Drei Minuten lang hält sie ihnen Schlauch ihn, das sind in etwa jene 50 Liter, die ein Baum zum Wachsen braucht.

Bis vor Kurzem waren die Schlesers mit dieser Aktion relative Pioniere. Doch nun hat das Gießen in Währing Priorität bekommen: Wie Bezirksvorsteherin Silvia Nossek (Grüne) im Zuge einer Bürgerversammlung vergangene Woche vorstellte, kann man im 18. Bezirk ab sofort Gießpatenschaften für Jungbäumeübernehmen. Für 25 Euro kann ein Baum ein Monat lang gegossen werden. Wer 300 zahlt, garantiert das Bewässern eines Baumes ein ganzes Jahr lang. "Eigentlich bin ich kein Fan davon, wenn Private bei Aufgaben der öffentlichen Hand helfen", meint Nossek. "Aber der Erhalt von Bäumen ist zu einer enormen Kraftanstrengung geworden, und gleichzeitig so wichtig für die Zukunft, dass ich jede Unterstützung dankend annehme."
Wie wichtig Bäume sind, das erläuterte Franz-Ferdinand Harrat von der MA 42 bei der Bürgerversammlung: "Sie können ihre Umgebung um bis zu zwei Grad kühlen, sie filtern Schadstoffe, erzeugen Sauerstoff." Und dann kommt noch die soziale Komponente dazu: Grünraum schafft Verbundenheit.

In die Vertikale

An jenen Orten, Plätzen oder Straßenzügen, an denen aufgrund der dichten Bebauung Baumpflanzungen nicht möglich sind, gehen Raumplaner und Wissenschaftler in die Vertikale. Dort kommen Dach- und Fassadenbegrünung ins Spiel. Maßnahmen, die äußerst effektiv sein können. An der MA 48-Zentrale in der Einsiedlergasse 2 (5. Bezirk) wurden vor wenigen Jahren 850 Quadratmeter Außenfassade begrünt und die Wärmedurchlässigkeit des Hauses dadurch im Sommer um 50 und im Winter um 20 Prozent reduziert. Genutzt wird hier vor allem die Verdunstungsleistung der Pflanzen: An heißen Sommertagen verdampfen pro Quadratmeter rund vier Liter Wasser.

Fassaden- und Dachbegrünungen kühlen und durchlüften auch den öffentlichen Raum. Klimaforscherin Maja Zuvela-Aloise von der ZAMG erläutert: "Wenn alle Dächer in Wien, bei denen es möglich ist, begrünt werden, und die anderen mit reflektierenden anstatt absorbierenden Materialen gedeckt werden, könnte die Anzahl der Hitzetage um 30 Prozent in der Inneren Stadt und 20 Prozent auf der Hohen Warte gesenkt werden."

Ein anderes Modell der MA 22 zeigt auf: Würden 60 Prozent der Häuser in der Äußeren Mariahilfer Straße mit "Living Walls" ausgestattet werden, könnte die Temperatur dort um bis zu 13,5 Prozent sinken.

Modelle und Überlegungen gibt es also. Nun gilt es, sie weiter zu konkretisieren und zu realisieren. Ende September organisiert die TU dazu eine Konferenz mit dem Titel "Urban Densification – the Challenge for Open Space". Dabei werden Raum- und Städteplaner gemeinsam diskutieren. "Wien ist zwar grundsätzlich auf einem guten Weg", meint TU-Professorin Katrin Hagen. "Klar ist aber auch: Es gibt noch viel zu tun."