Chronik | Wien
05.12.2011

Kinder vor Fernseher festgebunden

Prozess: Das älteste Kind trägt mit fast fünf Jahren noch Windeln. Eltern und Großmutter sind wegen Vernachlässigung angeklagt.

Eine Familie mit Migrationshintergrund in Wien-Ottakring: Vater, Mutter, Oma und vier Kinder im Alter zwischen zehn Monaten und knapp fünf Jahren. Die Kleinen wachsen dreisprachig auf, sagt die aus Serbien stammende Oma, die seit 30 Jahren österreichische Staatsbürgerin ist: "Zigeunisch, Jugoslawisch und Deutsch." Auf Deutsch können sie aber nur "Baba Dragica" (Oma Dragica) und "Schnuller" sagen, und "gemma".

Der Vater weiß, "wie wichtig es ist, dass die Kinder Deutsch sprechen, weil sie in die Schule müssen". Und er behauptet, mit ihnen nur Deutsch zu reden. Wie soll das gehen? Beim Prozess muss ihm die Dolmetscherin alles übersetzen, so schlecht versteht er die Sprache des Landes, in dem er lebt. Anfang des Jahres schlug das Jugendamt (zu spät?) Alarm. Der älteste Bub trug immer noch Windeln, die Kinder wurden nur mit Brei ernährt (zum Beispiel mit einem Mischmasch aus Haltbarmilch und zerbröselten Keksen), hatten Läuse bzw. Nissen auf dem Kopf und Grind hinter den Ohren. Beim Baden brüllten sie, als wären sie noch nie mit so viel Wasser in Berührung gekommen.

Ruhig gestellt

Und: Sie sollen stundenlang im Buggy vor dem Fernsehapparat festgezurrt worden sein, damit man seine Ruhe vor ihnen hat. Jahre hindurch. Die Kinder wurden in die Obhut von Pflegeeltern gegeben, die leiblichen Eltern und die Großmutter landeten wegen Vernachlässigung vor Gericht. Die 53-jährige Oma führt in der 80-Quadratmeter-Wohnung das Regiment. "Meine Kinder haben alles, was sie brauchen", sagt sie. Ihre eigene Tochter, die 23-jährige wirkliche Mutter der Kinder, ist offensichtlich überfordert. Die Kinder schliefen bei Oma im Zimmer, in ihrem Bett oder auf einer ausziehbaren Couch. Kein Gitterbett für die ganz Kleinen? Sie wurden nebeneinander quer ins Bett gelegt, wie die Sardinen, damit sie nicht rausfallen.

Die Kinder hätten Zeichentrickfilme im Fernsehen geschaut, und vielleicht seien sie dabei manchmal selbst in den Kinderwagen geklettert und dort eingeschlafen. "Ich weiß doch, wie man mit Kindern umgeht", sagt der Vater, ein Fensterputzer. "Jetzt sind wir auch schon Teufel oder wie?", sagt die Oma. Zum Spielen hätten die Kinder alles gehabt: "Vom Hasen bis zur Maus." Zu essen hätten sie bekommen, was sie wollten (wobei in der Aufzählung von Eltern und Oma mehrmals "Suppe" vorkommt). Gesunde Ernährung? "Ich kenn' kein Kind, das sagt: ,Papa, ich will Broccoli'", meint Richter Daniel Rechenhacher.

Schwere Entwicklungsstörungen

Und dass der fast Fünfjährige noch nicht aufs Topferl, geschweige denn aufs Klo geht? "Er will die Windel haben", sagt der Vater vor Gericht, "was soll man da machen?" Die Gerichtssachverständige attestiert bei drei Kindern (das vierte ist noch zu klein) schwere Entwicklungsstörungen. Der Prozess wurde vertagt.