Chronik | Wien
21.12.2014

Katholische Kirche schlägt Sparkurs ein

2015 werden erste Pfarren fusioniert. Kirchen-Verkäufe sind möglich. Infrastruktur ist zu teuer.

Kahlschlag nein, Zusammenlegungen ja. So definieren die Kirchenmanager rund um Kardinal Christoph Schönborn die angekündigte Verwaltungsreform in der Erzdiözese Wien. 2015 werden in Wien die ersten Pfarren fusioniert. Der Start erfolgt in den Bezirken Favoriten und Rudolfsheim-Fünfhaus.

Michael Prüller, Sprecher der Erzdiözese Wien, bestätigt: "Im Stadtdekanat zehn wird von 15 auf vier Pfarren und im 15. Bezirk von sieben auf zwei reduziert." Tatsächlich aber wird in der Diözese – sie umfasst Wien, das Wein- und Industrieviertel und den Wienerwald – flächendeckend auf Sparkurs gesteuert. Denn 656 noch eigenständige Pfarren sollen auf 300 verringert werden. Als Auslöser der Radikalkur gelten Priestermangel, der Schwund an Gläubigen, die demografische Entwicklung des Kirchenvolkes sowie die hohen Kosten zur Pflege der Infrastruktur. Alleine die Erhaltung der Gotteshäuser plus Nebengebäude kostet die Erzdiözese pro Jahr 25 Millionen Euro.

"Wir werden nicht alle Kirchen halten können", erklärte Schönborns Stellvertreter, Generalvikar Nikolaus Krasa, bei der Präsentation des Reformplanes. Heuer wurden drei der 175 Wiener Pfarrkirchen an befreundete Religionen verschenkt (Neulerchenfeld im 16. Bezirk an die Serbisch-Orthodoxe Gemeinde, St. Anton im 15. Bezirk an Rumänisch-Orthodoxe sowie Maria von Berge Karmel in Favoriten an Syrisch-Orthodoxe).

Allerdings sind auch Kirchen-Verkäufe kein Tabu-Thema mehr. Krasa: "Der Verkauf ist die letzte Option. Am Ende des Tages wird es aber auch Veräußerungen geben."

Um die rund 740.000 Katholiken der Hauptstadt nicht zu übergehen, wurden heuer 496 Arbeitsgruppen mit 1261 Teilnehmern aus den Pfarren gegründet. Darin werden konkrete Strategien der Pfarrfusionen besprochen. Denn anstatt vieler kleinerer Pfarren wird es in Zukunft eine "Hauptkirche" geben. Und dort spielt sich auch der Großteil des spirituellen Lebens ab. In den anderen Gotteshäusern – sofern nicht verschenkt oder verkauft – sind Messen dann eher die Seltenheit. Hinter den dicken Kirchenmauern wird allerdings schon heftig über die Namensgebung der "Hauptkirchen" diskutiert.

St. Johann als Favorit

Obwohl sich das Pilotprojekt in Favoriten noch im Planungsstadium befindet, gilt die Pfarre St. Johann der Evangelist am Keplerplatz als einer der Favoriten für eine Haupt-Pfarre. Bei einem Lokalaugenschein befragte der KURIER Gläubige aus dem Grätzl (siehe links).

Die Zusammenlegungen sollen vor allem die kosten- und personalintensive Verwaltungsarbeit billiger machen. Denn diese Arbeiten würden dann in der Haupt-Pfarre erledigt werden. Und Michael Prüller verweist auf einen zusätzlichen Punkt: "Nicht jeder Priester will auch eigenständiger Pfarrer sein. Viele Ordensmänner sind etwa in der Jugend- oder Seniorenarbeit besonders gerne tätig. Nach der Reform soll ihnen dafür mehr Zeit bleiben."

Pfarrer ohne Pfarre

Jedoch gilt die Reaktion der Pfarrer als Unsicherheitsfaktor. Viele werden den Status und die Leitung ihrer Pfarre verlieren. Enttäuschte Gottesmänner werden zu Gesprächen eingeladen.

Gemischte Gefühle bei der Gemeinde

Herbert Rabl, Wien:„Ich bin von der Kirche, wie sie zurzeit ist, nicht überzeugt. Deshalb können solche Änderungen eigentlich nur positive Effekte haben. Ich bin gespannt, wie es wird. Wenn es dadurch attraktiver wird, in die Kirche zu gehen, dann werde ich das wieder öfter machen.“
Christine Ungerböck, Wien: „Ich wohne im 3. Bezirk, wo es eine Zusammenlegung der Gemeinden gab, was mich sehr traurig macht. Es wird immer nur eingespart und die Pfarrgemeinden lösen sich schon ganz auf. Ich wünsche mir, dass es wieder mehr kleine Gemeinden gibt.“
Roswitha Jily, Wien:„Ich bin im Pfarrgemeinderat und höre viele Bedenken der Menschen. Ehrlich gesagt, kann ich mir selber noch nicht wirklich vorstellen, wie es werden wird, aber wir hoffen alle, dass die Gemeinde dadurch noch mehr zusammenrückt.“

Weniger Gläubige, weniger Einnahmen

Zahlen, Daten, FaktenDie Erzdiözese Wien zählt knapp 1000 Kirchen-Häuser, davon sind 250 in Wien. Zusätzlich müssen 1500 nicht sakrale Bauten erhalten werden. Pro Jahr kostet die Erhaltung dieser Infrastruktur 25 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt aus Kirchenbeiträgen, Einnahmen aus Pfarr-Veranstaltungen, durch Subventionen und Spenden.

Das kirchliche Personal der Erzdiözese Wien setzt sich aus 1100 Priestern zusammen. Darunter sind auch 500 Ordenspriester. Etwa die Hälfte der Priester sind auch Pfarrer. In der größten heimischen Diözese sind 1,23 Millionen Gläubige registriert. Tendenz fallend. Heuer wurden drei Kirchen an befreundete Religionen verschenkt. Pfarren müssen sich zu zwei Dritteln selbst finanzieren. Laufende Instandhaltungen der Gebäude müssen ebenfalls die Pfarren selbst tragen.