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Behandlungsfehler?
10/20/2013

Justiz ließ U-Häftling fast sterben

18-mal war der Drogensüchtige bei Ärzten. Keiner erkannte seine schwere Erkrankung.

von Nihad Amara

Bitte geh’ zum Arzt“, flehte Mutter Marika C. (Name geändert) ins Telefon. Sie saß im Besucherraum der Justizanstalt Josefstadt. Eine Glaswand trennte sie von ihrem Sohn, nennen wir ihn Michael, 25, der beim Hinsetzen seine Faust in die Leiste drückte. Ein Anzeichen für jene Schmerzen, sagt Mutter Marika, über die ihr Sohn bei jedem ihrer Besuche klagte.

Michael, heroinsüchtig und wegen eines Drogendelikts in U-Haft, ging ohnehin zu den Gefängnisärzten – 18-mal in 27 Tagen. Erst dann überstellte man den 25-Jährigen ins Wilhelminenspital. Es war fast zu spät.

Heute weiß man: Michael schwebte in Lebensgefahr. Er trug viel zu lange einen Keim in sich, der sich buchstäblich durch seinen Körper fraß. Nekrotisierende Fasziitis heißt die Erkrankung im Fachjargon (siehe Info unten). Im Wilhelminenspital entfernten Chirurgen großflächig befallenes Gewebe seiner linken Körperhälfte. Er sei „viel zu spät gekommen“, sagten die Spitalsärzte. Niemand konnte damals sagen, ob er überleben wird.

Der Fall wirft viele Fragen auf. Die drängendste: Warum verstrich so viel Zeit bis zur Spitalsüberstellung?

Michaels Mutter sucht verzweifelt nach einer Antwort. In den vergangenen Jahren hat ihr Sohn schwere Zeiten durchlebt: Er absolvierte eine Drogenkarriere, schmiss Jobs und Therapien hin, besiegte vor drei Jahren einen Lymphkrebs und landete am 3. September dieses Jahres in U-Haft.

„Ich hab’ ihn nie aufgegeben“, erzählt die 41-Jährige. Nie habe sie ihn „auf seine Drogensucht reduziert“. Das ist ihr heute wichtig, denn genau das, mutmaßt sie, sei während der Haftzeit passiert: „Man hat ihn fast einen Monat lang mit Tramal (Schmerzmittel, Anm.) abgespeist, weil er drogensüchtig ist.“

Montags und mittwochs besuchte sie Michael. Ihre Gespräche drehten sich immer nur um dasselbe Thema: „Schmerzen“, die stetig zunahmen. Mutter Marika begann aus Verzweiflung zu rotieren: Sie sprach beim Wachpersonal vor, bei einer Sozialarbeiterin, sogar beim Staatsanwalt.

„Zu spät“

Die 41-Jährige schleppte ihre Wut und ihre aufwühlende Geschichte in die Anwaltskanzlei von Oliver Koch, einem Spezialisten für medizinische Behandlungsfehler. Für Koch steht außer Frage, dass „unzureichend und viel zu spät diagnostiziert wurde. Er wurde nicht ernst genommen, und es wurde etwas Fatales übersehen.“

Der Anwalt schlug in einem Fachmagazin nach. In einem Bericht über die Erkrankung steht unter dem Kapitel „Diagnose“: „Wegen der fatalen Konsequenzen einer verzögerten Therapie muss der diagnostische Zeitraum effizient genutzt und möglichst klein gehalten werden.“ Koch prüft rechtliche Schritte gegen die Ärzte und die Justizanstalt. Der Republik könnte eine Amtshaftungsklage blühen.

Primar Klaus Kaiser-Mühlecker leitet die anstaltsinterne Krankenabteilung. Auf Anfrage erklärt er: „Es gab keinen Hinweis“ auf diese Erkrankung. Wäre ein solcher vorgelegen, hätte man anders reagiert. „Wir behandeln alle so wie in Freiheit.“ Hätte man in der Anstalt die Krankheit diagnostizieren können? „Dazu fehlen die diagnostischen Mittel.“ Allerdings nutze man für Insassen auch öffentliche Spitäler.

Michael befindet seit 3. Oktober auf der Intensivstation. Es scheint derzeit so, als würde er überleben. Gesund wird er nicht mehr.

Nekrotisierende Fasziitis: Ein Killerkeim

Es handelt sich dabei um eine durch Bakterien ausgelöste, lebensbedrohliche Weichteil- infektion, die sich schnell ausbreitet. Auslöser sind Streptokokken der Gruppe A oder eine Mischinfektion. Betroffen sind die Bindegewebshüllen der Muskulatur (Faszien). Die Inkubationszeit kann Stunden, Tage oder Wochen betragen. Die Erreger treten über kleine Wunden ein. Symptome sind starke Schmerzen, massive Hautverfärbungen, Blasenbildung sowie Schwellungen. Später kommt es zum Absterben (Nekrose) der Haut. Befallene Partien müssen sofort chirurgisch entfernt werden.

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