Chronik | Wien
01.03.2018

Juristendeutsch für Anfänger

Flüchtlinge, die ihn ihrer Heimat Anwälte waren, sollen wieder in ihrem Job Fuß fassen.

In ihrer Heimat waren sie Anwälte: Alnatour Abdulrahman war in Syrien auf Zivil- und Unternehmensrecht spezialisiert. Hawree Ahmad war im Irak Experte für Familienrecht. In Österreich zählt das wenig. Um als Anwälte arbeiten zu können, müssen sie wieder von vorne anfangen. "Dabei gibt es rechtlich gar nicht so große Unterschiede", sagt Abdulrahman. Was einen großen Unterschied macht, ist die Sprache. Juristendeutsch ist eine Herausforderung – erst recht für Flüchtlinge. Die beiden Männer wollen es versuchen – sie haben beide Jobs in einer Anwaltskanzlei gefunden. Ihre Hauptaufgabe dort: Verstehen lernen.

Der Meidlinger Gerichtsvorsteher Oliver Scheiber hat in Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien ein Projekt entwickelt, das ihnen einen Jobeinstieg ermöglichen soll. 24 Teilnehmer, davon drei Frauen, haben bisher daran teilgenommen. Flüchtlinge können auf Gerichten unbezahlte Praktika absolvieren, die bis zu fünf Monate dauern. "Der Mehraufwand für uns ist relativ gering", sagt Scheiber.

Arbeitsmarkt

Der Grundgedanke war, dass Anwälte wieder als Anwälte arbeiten sollen. Doch so einfach ist das nicht. "Gerade diese Ausbildung dauert lange. Aber es macht Sinn für Konzerne, die mit arabischen Ländern zusammenarbeiten. In einigen Jahren wird auch ein entsprechender Arbeitsmarkt entstehen – da werden wir Scheidungsanwälte brauchen, die diese Sprachen sprechen und auch Juristen, die entsprechende Rechtsberatung anbieten."

In den Gerichten lernen die Teilnehmer die Behörden-Abläufe kennen, verfolgen Verhandlungen, begleiten den Gerichtsvollzieher, lesen juristische Texte. Ein Problem, mit dem man nicht gerechnet hat, ließ sich rasch beheben: "Wir hatten keine arabischen Tastaturen", erzählt Scheiber.

Zwischen den Zeilen

Abdulrahman und Ahmad haben durch das Praktikum einen Job gefunden. Sie arbeiten in der Kanzlei Ploil Krepp Boesch im ersten Wiener Bezirk. "Weil wir ihnen eine Perspektive geben wollen", sagt Anwalt Ernst Ploil. "Obwohl das sehr schwer ist – gerade weil unser Beruf sehr sprachbezogen ist." Das merken auch die beiden Männer. "Die juristische Sprache ist ganz anders. Zwischen den Zeilen zu lesen – das ist am schwierigsten", sagt Ahmad.

Beim Recht selbst sehen sie viele Parallelen. Und nur wenige Unterschiede. "In Syrien gibt es keine bedingten Strafen wie hier", erklärt der 29-jährige Abulrahman. "Bei uns gibt es zwei Rechtssprechungen. Das Scharia-System und das normale. Beim Erbrecht gibt es Unterschiede. Im Irak etwa ist der Erbteil der Frau abhängig davon, wie viele Kinder sie hat", sagt der 30-jährige Iraker Ahmad.

Wieder Anwälte zu sein, das wäre der Traum der beiden. Dass es schwer ist und lange dauern wird, wissen sie. "Ich werde alles nötige dafür tun", sagt Ahmad.