Chronik | Wien
15.05.2017

"Joint Operation Office": Wien als Zentrum gegen Schlepper

Österreich führt internationale Arbeit an. Im Verschiebebahnhof Wien-Kledering kam es fast zur Tragödie

Vier Tage lang waren die Männer im Güterwaggon eingeschlossen. In Subotica, Serbien, hatten sie die Schlepper zum Einsteigen gezwungen. Dann schlossen sie die Türen – von innen war der Waggon nicht zu öffnen. Als Wegzehrung gab man den Flüchtlingen je eine kleine Flasche Wasser mit. Als der Zug am Zentralverschiebebahnhof Wien-Kledering ankam, wartete niemand auf die Männer. Irgendwer werde sie schon finden, dachten sich die Schlepper. Einer der jungen Afghanen schaffte es in Wien, einen Notruf abzusetzen. Die Polizei befreite die jungen Männer.


Spürhunde

„Die Tragödie von Parndorf mit 71 Toten hat uns alle berührt“, sagt Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP). Fast wäre es zu einem ähnlichen Fall gekommen – der ereignete sich zwar schon im vergangenen Jänner, wurde aber erst jetzt publik. Seit damals fährt die Polizei an jedem Wochenende mit Spürhunden auf den Verschiebe-Bahnhof. Denn dort ist an den Wochenenden kein Betrieb. „Zwei Tage nach dem Auffinden der Männer konnten wir auch schon einen Schlepper in Serbien festnehmen“, sagt Gerald Tatzgern, Leiter des „JOO“ - eine Abkürzung für „Joint Operation Office“.


Vor exakt einem Jahr wurde es in einem unauffälligen Büro in der Nähe des Wiener Pratersterns eingerichtet – mit einer klaren Vorgabe: „Ihr geht’s mitten ins operative Geschäft. Ihr schaltet Struktur für Struktur aus. Der Erfolg wird an den Zahlen gemessen“, wie Franz Lang, Chef des Bundeskriminalamtes erklärt . Diese Zahl präsentiert gestern Sobotka: 185 Schlepper wurden festgenommen.


Auch im Ausland, denn von Wien aus werden Ermittlungen in ganz Europa geführt. Die Mitarbeiter sprechen serbisch, bosnisch, bulgarisch, rumänisch und arabisch. 40 Ermittler sind es aktuell, zehn sollen dazu kommen. Im Bedarfsfall stoßen auch ausländische Beamte zum Team dazu. Den „verlängerten Arm von Europol“, nennt das Sobotka. „Internationalität und Datenaustausch sind die wesentlichsten Instrumente, um hier vorwärts zu kommen.“


Die Strukturen der Schlepper wechseln ständig: In einem Land werden die falschen Dokumente ausgestellt, im nächsten – etwa in Bulgarien – die Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Und im dritten, oftmals in Serbien, Bunker-Wohnungen zur Verfügung gestellt.


Die Routen ändern sich. Die Balkanroute ist aktuell „dicht“. Deswegen soll der Fokus künftig auf der Mittelmeer-Route liegen. Konkret geht es hier um Libyen – das Sprungbrett für afrikanische Flüchtlinge nach Europa. „Wir wollen die libysche Küstenwache fit machen. Und wir müssen die Strukturen in den betroffenen Ländern ändern und Perspektiven geben, um Wirtschaftsflüchtlinge zu stoppen“, kündigt Sobotka an.


Geldtransporte

Außerdem will man die Schlepper-Organisationen da treffen, wo es ihnen besonders weh tut: Beim Geld. 5000 bis 15.000 Euro zahlen die Flüchtlinge für ihr Ticket nach Europa. „Da sind Unsummen im Umlauf“, betont der Innenminister. Das Geld wird in den Herkunftsländern bezahlt, aber erst nach Etappen frei gegeben – eine Art Garantie. Das Geld muss also dann auch in Etappen vor Ort ausgezahlt werden. „Entsprechend gibt es auch Geldtransporte nach Europa“, erklärt Sobotka. Sie ausfindig zu machen, ist eine der Aufgaben des „JOO“.


Und schließlich sollen verstärkt soziale Medien genutzt werden, um in den Herkunftsländern eine Botschaft zu verbreiten: Es gibt keinen legalen Weg nach Europa. Und die Arbeit der Schlepper ist skrupellos.