In Österreich zogen bisher 140 Menschen in den Heiligen Krieg.

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Islamischer Staat
10/03/2014

Islamismus-Expertin: "Hier zu rekrutieren ist einfacher"

Propaganda fällt in Österreich auf fruchtbareren Boden als in Deutschland, sagt Claudia Dantschke.

von Nihad Amara

Die Arabistin und Islamismus-Expertin Claudia Dantschke spricht das Publikum direkt an. Vor 90 Sozialarbeitern und einigen Pädagogen im Saal des Wiener Instituts für Freizeitpädagogik, die einen Schnellsiedekurs über das Jugendphänomen Salafismus (Anm. eine radikale bis gewaltbereite islamistische Strömung) bekommen, sagt sie im ernsten Ton: "Salafisten sind oft die besseren Sozialarbeiter."

Dantschke, das Aushängeschild eines bisher europaweit einzigartigen Beratungsnetzwerks gegen Radikalisierung in Deutschland (siehe unten), spielt darauf an, wie Salafisten arbeiten. "Sie holen die Jugendlichen dort ab, wo sie sind." Sie referiert Begriffe und Definitionen, erläutert Fallbeispiele – alles vor dem Hintergrund junger Männer und Frauen, die mit Terrorgruppen wie dem "Islamischen Staat" sympathisieren oder in den Heiligen Krieg ziehen wollen.

"Relevanteres Problem"

Und die Islamismus-Expertin hat keine guten Nachrichten zu verkünden: In einem EU-weiten Ranking jener Staaten, aus denen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) Kämpfer rekrutiert, teilt sich laut Dantschke Österreich mit Belgien und Dänemark die vordersten Plätze. Es sei "für Österreich ein relevanteres Problem als für Deutschland". Die deutsche Expertin hat eine Erklärung dafür parat: Hierzulande sind die Ethnien "geclustert", bleiben unter sich und sind damit für die maßgeschneiderte Propaganda "leichter erreichbar". Ein Paradebeispiel sind Tschetschenen, die erfolgreich angesprochen werden. In Deutschland ist die multikulturelle Durchmischung größer. "Wer in Österreich rekrutieren will, hat es einfacher."

Ablesbar ist das an den Zahlen: In Deutschland mit zehn Mal mehr Einwohnern als in Österreich zogen laut deutschen Sicherheitsbehörden 400 Personen in den Heiligen Krieg. Hierzulande sind es dem Verfassungsschutz zufolge 140.

Die deutsche und die österreichische Islamisten-Szenen sind gut vernetzt. Beispielhaft dafür ist etwa Ebu Tejma: Ein Österreicher, der laut Gerichtsurteil als "Hassprediger" bezeichnet werden darf und sich in der Bundesrepublik einen Namen gemacht hat. Oder Koran-Verteilaktion, wie auf den Wiener Viktor-Adler-Platz. Deren Initiatoren versammeln 72.000 Facebook-Fans hinter sich.

Dantschke sagt: "Anfangs wird Jugendlichen suggeriert, sie bringen die Menschen von der Islamophobie weg." Wer sich engagiert, bekommt Lob, Zuspruch, "eine Aufwertung. Abseits des Infostands wird dann Tacheles geredet." Zugute kommt salafistischen Bewegungen, dass sie egalitär sind. "Für Jugendliche, die labil sind und ihren Platz suchen, ist das eine große Verlockung."

Pop-Dschihadismus

Die Propaganda spricht die Sprache der Jugendlichen. Dantschke gebraucht die Wortschöpfung Pop-Dschihadismus. Comics etwa, die spielerisch salafistisches Gedankengut transportieren oder islamische Symbole in einen solchen Kontext setzen. Eine Bildagentur produziert das Material, das im deutschsprachigen Raum tausendfach im Internet geteilt wird. Dantschke sagt: "Die geistigen Brandstifter liefern für die Gefühle der Jugendlichen ein Begründungsmuster".

All das sei aber "kein religiöses Problem", weil die Betreffenden religiöse Analphabeten seien. Das spreche Vereine und Organisationen aber nicht davon frei, ihre Jugendarbeit auf das Problem zu sensibilisieren.

Was können Sozialarbeiter tun? Dantschke rät ihnen, unermüdlich nachzufragen. "Jugendliche, die sich ausdrücken wollen, suchen das Gespräch. Wenn die vorgestanzten Antworten verbraucht sind, besteht die Chance, dass sie selbst nach Antworten suchen."

Verdacht gegen Dschihadisten hat sich erhärtet

Sechs mutmaßliche Dschihadisten, die beim Ausreiseversuch festgenommen wurden, hoffen Montag bei der Haftprüfung auf eine Entlassung aus der U-Haft. Ein weiterer Verdächtiger, ein 19-jähriger Tschetschene, hat seinen abschlägigen Bescheid bereits am Tisch. Ein Drei-Richter-Senat des OLG Wien hatte befunden, dass es „mehr als eine bloße Vermutung“ der Behörden sei, dass er Kämpfer zu den Mord-Milizen der IS nach Syrien bringen wollte.

Der junge Mann hatte behauptet, dass er und seine Mitreisenden nur eine Urlaubsfahrt in die Türkei geplant hätten. Er konnte aber nicht erklären, warum er seinen Mitreisenden geraten hatte, sich vor dem Grenzübertritt der Akkus und SIM-Karten ihrer Handys zu entledigen, damit sie nicht mehr geortet werden können. Für den Senat besteht daher der Verdacht, dass die Reise zum Zwecke der Teilnahme an „Kämpfen in Verbindung mit Vertretern des IS“ stand.

Eine Hotline für besorgte Angehörige

In Deutschland können sich Menschen, die die Radikalisierung eines Bekannten oder Angehörigen befürchten, professionelle Hilfe holen. Im Jahr 2012 richtete das deutsche Innenministerium die „Beratungsstelle Radikalisierung“ ein – und zwar außerhalb des Ressorts, im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Erste Fälle von Deutschen, die in den Dschihad gezogen waren, hatten damals für Schlagzeilen gesorgt. Florian Endres von der Beratungsstelle, der gemeinsam mit Claudia Dantschke diese Woche in Wien referierte, sagt heute: „Die vielen Anrufe haben auch uns überrascht.“ Seit der Gründung wählten tausend Menschen die Hotline.

Daraus ergaben sich 310 Fälle, die überwiegend noch weiter beraten werden. Telefonisch erfolgt nämlich nur der Erstkontakt. Danach besuchen Experten wie Dantschke die besorgten Familien. Die Beratungsstelle greift dabei auf ein Netz aus mehreren Vereinen zurück. Zu den Erkenntnissen in der Arbeit zählen zwei Punkte: „Die Fälle sind allesamt individuell“, erklärt Endres. Und: „Die Radikalisierung verläuft in allen Extremismus-Bereichen ähnlich.“ Wesentliche Erkenntnisse habe man etwa aus der Arbeit mit Rechtsextremen übernommen.

Der Anrufer wird zuerst informiert, dass „sicherheitsrelevante Inhalte“ an die Exekutive weitergeleitet werden. Dazu haben sich auch die Berater vor Ort verpflichtet. In Österreich ist ein ähnliches Projekt geplant. Die Hotline soll im Familienministerium angesiedelt werden. Ob auf Vereine zurückgegriffen wird, ist noch offen.

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