Chronik | Wien
09.03.2014

Mordfall Korotin: "Der Philipp hat kein Mordmotiv"

Die Mutter des verurteilten Mörders von Steffi P. erzählt über ihre wöchentlichen Haftbesuche.

Margit Korotin glaubt, dass ihr Sohn Philipp (26) zu Unrecht wegen des Mordes an Stefanie P. (21) zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Sie beauftragte den Detektiv, der die neuen Beweise zutage förderte. Seither sind Zweifel an der bisherigen Version der Tat aufgetaucht. Im Interview mit dem KURIER spricht Margit Korotin ausführlich darüber, wie es ihrem Sohn in der Haft geht, warum sie ihn für schuldlos hält und worauf sie nun hofft.

KURIER: Weiß Ihr Sohn, dass über ihn derzeit groß in den Medien berichtet wird?

Korotin: Ja, er hat am Freitag vom katholischen Seelsorger davon erfahren. Wenn ich ihn besuche, dann darf ich ihm eigentlich nichts zeigen. Es wird allerdings toleriert. Aber er will das überhaupt nicht lesen, das belastet ihn nur. Er sagt, dass er keine falsche Hoffnung haben will.

Warum hat er die Tat am Anfang gestanden?

Der spätere Kronzeuge hat zu ihm gesagt: Sag, dass es ein Unfall ist. Dann wirst du nicht bestraft. Sonst passiert deiner Mutter das Gleiche wie der Steffi. Erst nachdem Philipp mit mir geredet hat und ich ihm gesagt habe, dass ich das durchstehe, hat er sein Geständnis zurückgezogen.

Hat Ihr Sohn Stefanie P. ermordet?

Nein. Dazu muss man wissen, dass die Steffi genau das getan hat, was jeder Mann will. Sie ist zu ihm gekommen, wann immer er wollte, und war für alles verfügbar. Der Philipp hat deshalb als Einziger kein Mordmotiv. Ein Jahr zuvor hat er ihr sogar das Leben gerettet, als sie einen Selbstmordversuch begangen hat. Warum sollte er sie denn umbringen? Er würde sogar einen Lügendetektortest machen, sagt er.

Wie oft dürfen Sie ihn momentan besuchen?

Ein bis zwei Mal pro Woche. Ich teile mir das Besuchsrecht mit einer Schulfreundin von ihm aus der 7. Klasse.

Was passiert bei diesen Besuchen in der Justizanstalt Stein?

Es gibt einen Tischbesuch. Das ist ein Bonus für Häftlinge mit guter Führung. Ich kann ihn umarmen und auch mal die Hand halten. Wir können einen Kaffee trinken miteinander. Das ist immer eine Stunde, aber die vergeht so schnell.

Was macht Philipp Korotin den Tag über in der Haft?

Vormittags erledigt er verschiedene Arbeiten und am Nachmittag betreibt er Sport im Fitnessraum. Kurz hatte er einen Ausritt, da wollte er zu den Moslems übertreten. Er war in der Moschee, hat das aber nicht gemacht.

Er ist jetzt Buddhist ...

Ja, er probiert alles aus. Er ist tatsächlich zum Buddhismus übergetreten. Und er sagt immer zu mir: Mama, sei ruhiger, ich bin das doch auch. Ich habe Angst, dass ihm was passiert, aber er sagt, dass auf seinem Stock keine Gefahr droht. Er hat einen sehr netten Stockchef. Einmal wurde er bedroht, da hat die Anstaltsleitung sofort reagiert.

Wie ist seine Zelle in Stein?

Er hatte eine Zweier-Zelle und sein Mithäftling hat dann fünf Mal gewechselt. Jetzt hat er eine Einzelzelle. Sein bester Freund ist ein Peruaner, der auch Bildung hat und mit dem er sich austauscht. Denn es ist schwer, es gibt nur eine Handvoll Häftlinge, die Matura haben. Er musste sich erst daran gewöhnen, dass alle gleich sind. Der Fritzl ist auch in dem Stock, aber der ist jetzt meistens auf der Krankenstation.

Angeblich hat Ihr Sohn eine Gitarre bekommen?

Ja, am Dienstag. Und er hat schon länger ein Klavier, weil er ist ja sehr musikalisch. Er kann auch Bücher und CDs bestellen.

Das klingt fast nach Urlaub ...

Das denkt man vielleicht auf den ersten Blick. Aber für jedes Gerät muss man sieben Euro Strom zahlen. Abzüglich der Unterbringungskosten stehen einem Häftling 50 bis 90 Euro im Monat zu. Außerdem wird die Tür trotzdem um 17 Uhr zugesperrt. Er hat zu mir gesagt: Mama, falls ich mal freikomme und duschen gehe, dann werde ich dich vorher fragen. So ist das Leben dort, das ist nicht angenehm.

Glauben Sie, dass er noch jemals in Freiheit kommt?

Wenn ich das nicht täte, würde ich nicht hier sitzen und mit Ihnen reden. Ich will niemandem einen Vorwurf machen. Ich hoffe einfach, dass die Staatsanwaltschaft von sich aus aktiv wird und die offenen Fragen abklärt. Das muss doch jeder wollen, dass es bei Lebenslang keine Zweifel gibt.

Die Zweifel an Korotins Schuld

Die Geschworenen urteilten einstimmig: Philipp Korotin hat in der Nacht auf 2. Juli 2010 die Studentin Stefanie Pagels mit mehr als 200 Messerstichen ermordet, zerstückelt und die Leichenteile über die Müllräume des Hauses in der Wiener Auhofstraße verteilt. Sie glaubten Korotin nicht, dessen Schlusswort war: "Ich möchte wissen, wer die Steffi getötet hat." Er gab an, dass er ins Delirium fiel und in der Früh dann die zerstückelte Leiche entdeckt und im Müll entsorgt hat.

Sein nunmehriger Anwalt Nikolaus Rast hofft nun, dass der Fall neu aufgerollt wird. Ein Detektivbüro hat neue Beweise ans Tageslicht gebracht. Ein Überblick der Punkte, die mögliche Zweifel an Korotins Schuld aufkommen lassen:

Kontaktlinse Im Haar von Pagels wurde eine Linse gefunden, aber offenbar nie untersucht. Rast: "Weder Korotin noch Pagels trugen Kontaktlinsen."

Neue Zeugenaussage Ein Zeuge, der nicht im Prozess ausgesagt hat, gibt in einer eidesstattlichen Erklärung an, dass Pagels mit dem späteren Kronzeugen ein Internetvideo drehen wollte. Dieser habe sogar jemanden für einen Tötungsplan gesucht, behauptet zumindest der Zeuge. Der Kronzeuge sagte im Prozess, dass er Pagels nicht gekannt hat.

Die "Videotheorie" Die Matratze war voll Blut, nur ein Bereich im Eck war vollkommen trocken. Dort wäre Platz für eine Kamera gewesen. Tatsächlich findet sich ein vergleichbares Video im Internet, bei dem ein Mann genauso getötet wird wie Pagels. Die Vorgangsweise in dem Snuff-Film ist ident.

Zwei Unbekannte Ein Nebenbuhler von Korotin will beobachtet haben, wie, kurz bevor die Polizei am Tatort war, ein Rucksack aus dem Wohnhaus geworfen wurde. Ein junges Paar habe ihn an sich genommen und sei damit weggelaufen. In einem Müllsack findet die Polizei später einen Handschuh – darauf ist die DNA von einem (unbekannten) Paar und Stefanie Pagels zu finden.

Der Kronzeuge Auf seiner Facebookseite postete er, dass es "Auftraggeber" gegeben hat. Nach der Tat wurde er wegen gefährlicher Drohung in einem anderen Fall verurteilt. Auch rund um den Mord gab es ein eher merkwürdiges Verhalten.

Fehlende Beweise Bis heute sind viele Dinge aus der Wohnung verschwunden: Pagels Handy, 20 Marlboro-Zigaretten (mit DNA?), eine Passwortliste für Korotins PC und möglicherweise sogar eine Tatwaffe.

Haller-Gutachten Ein neues Gutachten des Neurologen Reinhard Haller bestätigt, dass ein Kurzzeit-Delirium möglich und Korotin dafür anfällig ist.