Mio war eine kleine Szene-Berühmtheit. Dieses Foto des jungen Mannes stammt aus der KURIER-Reportage vom vergangenen Winter.

© KURIER/Gilbert Novy

Mordalarm
08/25/2014

Hunderte trauern um toten Obdachlosen "Vinzi Gast"

Seine Geschichten fesselten viele. Endlich fand er Arbeit, doch sein Glück währte nur kurz.

von Gilbert Novy

Mio ließ Menschen an einem Leben teilhaben, das sich die meisten nicht vorstellen können. Mit seinen Schilderungen über das Leben auf der Straße (mehr dazu unten) begeisterte er auf seiner Facebook-Seite "Vinzi Gast". Sein letzter Eintrag stammt vom 20. Mai. Darin verabschiedet er sich von seinen 6508 Fans und verkündet stolz, dass er nicht mehr schreiben wird, weil er jetzt Arbeit in einer Bäckerei gefunden hat. Dieser Eintrag war das letzte öffentliche Lebenszeichen des 26-Jährigen. Am 3. August wird der gebürtige Rumäne mit schwersten Kopfverletzungen am Gehsteig vor der U-Bahn-Station Josefstädter Straße gefunden. Zehn Tage später stirbt er an den Folgen der Verletzungen im AKH.

Tod gibt Rätsel auf

Die Staatsanwaltschaft Wien kann Fremdverschulden nicht ausschließen und ermittelt – bislang ergebnislos. Es steht noch nicht einmal fest, wann die Obduktion durchgeführt werden kann – aus Personalmangel in der Gerichtsmedizin. Die Staatsanwaltschaft hofft aber, noch in dieser Woche erste Ergebnisse veröffentlichen zu können.

Die Umstände des brutalen Todes sind bis dahin rätselhaft, was vor allem Mios Fangemeinde verärgert. Denn Mio entsprach so gar nicht dem vorurteilsbehafteten Bild eines Obdachlosen. "Er war ein extrem friedfertiger Mensch, hatte nie mit Drogen oder Alkohol zu tun", erzählt Cecily Corti, Leiterin der Notschlafstelle VinziRast, wo Mio monatelang gelebt hat. Die Umstände seines Todes kann man sich dort nicht erklären. In der VinziRast hatte der junge Mann Halt und neuen Mut gefunden.

Am Arbeitsmarkt wurde ihm der Neuanfang nicht leicht gemacht, Obdachlose sind eben schnell stigmatisiert. Damit kämpfte auch Mio: 26 Jahre alt, fünf Sprachen sprechend, keiner, der pöbelte. Er wollte Arbeit finden und vorankommen – das Karrieren-Ressort des KURIER begleitete ihn deshalb auch zwei Tage lang für eine Reportage. Doch sobald potenzielle Arbeitgeber von seiner Obdachlosigkeit erfuhren, kam er für sie als Mitarbeiter nicht mehr infrage. Also schrieb er auf Facebook weiterhin über sein Leben, über Menschlichkeit und Vorurteile.

Mios Fangemeinde hofft nun, dem jungen Mann wenigstens die letzte Ehre erweisen zu können, doch Mios Freunde aus der VinziRast wollen die Trauerfeier klein halten. "Wir möchten mit denen trauern, die ihn persönlich kannten", bittet Cecily Corti um Verständnis. Familie hat Mio in Österreich keine, also wird er trotz seiner Popularität ein Armenbegräbnis bekommen.

Vinzent, 25, obdachlos

Vinzent* ist, wie so oft, zu früh dran. Abendessen gibt es erst ab 18.30 Uhr. Er geht zurück in die Bibliothek. In einer Stunde wird er die U6 nehmen. Nach fünf Stationen aussteigen, die Wilhelmstraße nach Osten gehen. Das rote Tor öffnen, auf dem „VinziRast CortiHaus“ zu lesen ist. Über einem Knopf steht: Aufnahme Notschlafstelle. Vinzent ist seit zwei Jahren obdachlos, lebt hier seit über einem Jahr, denn er findet keine Arbeit.

Vinzent ist jung und gebildet. Das ist ein Vorteil. Doch der Arbeitsmarkt ist knallhart. Gnadenlos wird ausgesiebt, was nicht glänzt wie Gold. Da ist kein Platz für Obdachlosigkeit, denn sie wird gleichgestellt mit Disqualifikation. Wer keinen Wohnsitz hat, der kann nichts können. Mit diesen Vorurteilen kämpfen alle Menschen, die auf der Straße leben.

Vor vier Jahren, mit 21, kam Vinzent alleine nach Österreich. Sein Plan war, hier zwei Wochen Geld für die Uni zu verdienen und dann zurückzukehren. Das durchschnittliche Einkommen in Rumänien ist erschlagend niedrig. Pro Monat liegt es, laut Institut für Höhere Studien, bei 466 Euro – das sind 15 Euro pro Tag. Er verdiente auch in Rumänien schon gut, doch hier, in Österreich, war das Geld üppig und die Menschen freundlich – er blieb.

Um Geld zu sparen, schlief Vinzent 14 Nächte in einem Kofferraum, dann in einem Mehrbettzimmer mit anderen Arbeitern. Ein Bekannter ermöglichte ihm den Einstieg in die Handels-Branche. Vinzent holte Dokumente und Zeugnisse aus Rumänien, legte sie der WKO vor. Im Rahmen der Dienstleistungsfreizügigkeit konnte er als Drittstaatsangehöriger eine selbstständige Tätigkeit anmelden. Er war sein eigener Chef. Und machte einen Fehler: Er wurde übermütig. „Ich habe ein extravagantes Leben gelebt, den Überblick über meine Finanzen verloren. Als ich versuchte, das Schiff zu retten, war es zu spät“, sagt er.

Er fragt nach der Uhrzeit. Vinzent besitzt eine Uhr, doch sie funktioniert nicht. Seit einem halben Jahr stehen die Zeiger auf 5.30 Uhr, weil er kein Geld für Batterien hat. Vinzent hat einen Kalender, ein Geschenk, das er gut gefüttert mit Terminen in seiner Jackentasche bewahrt. Obdachlos sein heißt nicht, Zeit zu haben. Im Gegenteil, es bedeutet Struktur und Unfreiheit. Morgens um sieben geht in der Notschlafstelle VinziRast das Licht an, Frühstück. Kurz nach acht Uhr, wenn die anderen Bewohner das Haus verlassen müssen, sammelt Vinzent die Wäsche ein. Waschen, aufhängen, trockene Bezüge und Klamotten falten. Dann geht er in die Bibliothek. Mit seiner Karte kann Vinzent eine Stunde lang im Internet surfen, Job suchen, Bewerbungen und eMails schreiben. Er liest gern, mag Geschichte. Laut Lebenslauf spricht er Deutsch, Englisch, Rumänisch, Serbisch und Italienisch.

Der nächste Termin: 12.45 Uhr, Mittagessen in der Gruft. Hier ist es für diese Menge an Menschen leise. „Menschen, die wie ich in dieser Situation sind, beschränken sich oft auf eine einfache Sprache. Mein Sprachschatz hat dadurch enorm abgebaut“, sagt Vinzent. Familie zu der er zurückgekonnt hätte, hatte er nicht, sagt er. Freunde haben ihn verlassen, als die Schulden zunahmen, wurden letztlich zu Spöttern. Er verlor Wohnung und Halt.

Ohne Anstellung

Arbeitsmarkt-Experte Gernot Mitter erklärt: „Ohne Wohnsitz einen Job zu finden, das gelingt auch Österreichern schwer.“ Für rumänische Staatsbürger sei eine Anstellung vor 1. Jänner 2014 fast unmöglich gewesen. „Vinzent hätte einen Arbeitgeber finden müssen, der sich um eine Beschäftigungsbewilligung bemüht. Und die gab es nur, wenn der Arbeitgeber die Stelle nicht mit einem österreichischen oder einem ausländischen Arbeitnehmer, der Freizügigkeit am Arbeitsmarkt genießt, besetzen konnte.“

Seit Jahresbeginn dürfen Rumänen und Bulgaren frei in ganz Europa arbeiten. Wie viele Menschen nach der Arbeitsmarktöffnung nach Österreich kommen, ist schwer zu schätzen. Das Institut für Höhere Studien geht von 5500 zusätzlichen Zuwanderern aus, drei Viertel davon könnten aus Rumänien stammen. 70 Prozent der Arbeitskräfte aus Rumänien sind zwischen 15 und 44 Jahre alt.

In der VinziRast sind viele Nationalitäten und Altersklassen vertreten. Vinzent setzte seine Sprachkenntnisse bald als Übersetzer ein. Seit Dezember postet er als „Vinzi Gast“ auf Facebook über seinen Alltag. Eine Idee der Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann, die VinziRast pro bono unterstützt, um auf die schwierige Situation von Obdachlosen aufmerksam zu machen. Vinzent: „Ich dachte, vielleicht kann ich so helfen, dass Obdachlose nicht länger als Unmenschen abgestempelt werden.“ Mehr als 5600 Menschen verfolgen seine Posts als „Vinzi Gast“, fiebern mit, wenn er über seinen Alltag und seine Bewerbungsversuche postet. Auch am Donnerstag postet er: „Möglicherweise werde ich nächste Woche arbeiten. Toi Toi Toi.“ „Vinzent“ ist ein Pseudonym. Er will anonym bleiben

Milieu-Streit: Obdachlose mit Revolver und Messer bedroht

Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole und einem Messer hat ein 43-Jähriger am Sonntagabend in der Salzburger Altstadt zwei Obdachlose bedroht.

Eines der Opfer alarmierte die Polizei, der Mann wurde festgenommen. Der 43-Jährige sei beschäftigungslos und ebenfalls dem Obdachlosenmilieu zuzuordnen, sagt Polizeisprecher Michael Rausch. „Ein Motiv ist nicht bekannt. Alkohol dürfte bei dem Streit aber eine Rolle gespielt haben.“ Die Opfer sagten aus, der 43-Jährige sei auf sie zugegangen, habe plötzlich den täuschend echten Revolver sowie das Messer aus dem Hosenbund gezogen und gedroht, beide zu töten.

Sonntagmittag bedrohte ein 30-Jähriger einen 74-Jährigen in dessen Wohnung in Salzburg-Herrnau. Er jonglierte mit einem Klappmesser und warf mit Münzen auf Gläser. Die Splitter verletzten den Pensionisten leicht. Der 30-Jährige wurde angezeigt.

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