Chronik | Wien
26.07.2015

Höhenrausch in der Grauzone

Die "Urban Monkeys" klettern im Geheimen auf Hochhäuser, Schornsteine und Kirchtürme. Mit ihrem Zwentendorf-Video sorgten sie für Aufsehen.

Das Bild ging durch die Medien und hat viele irritiert: Ein Mann mit einer Schnabelmaske steht auf dem 110 Meter hohen Abluftkamin des nie in Betrieb gegangenen AKW Zwentendorf (NÖ), unter ihm der Abgrund. Es stammt aus einem der schwindelerregenden Videos der „Urban Monkeys“. Auf Facebook dokumentiert die Wiener Gruppe seit heuer ihre waghalsigen Kletteraktionen: Auf der Votivkirche (100 m), dem Hochhaus Neue Donau (150 m), dem Roche-Turm in Basel (178 m) oder zuletzt auf einem 340-Meter-Schornstein in Kroatien.

Sie selbst sehen sich aber nicht dem Phänomen „Roofing“ zugehörig, sondern der Urban-Exploring-Szene, die schwer zugängliche Stätten erkundet. Letztlich zählt aber der Höhenrausch. Der jeweils intensiv vorbereitet wird, wie Tom, Maskenmann „Flying Dutchman“ und Phil erstmals im KURIER-Interview erzählen.

KURIER: Ganz naiv gefragt: Warum macht man so etwas?

Tom: Bei mir ist das schon in der Kindheit entstanden. Ich habe ein altes Schwarz-Weiß-Foto von Höhenarbeitern gesehen, die einen Wolkenkratzer gebaut haben. Und da wusste ich sofort, dass mir so was taugt. Ich bin mit 14 Jahren zum ersten Mal auf einen Kran geklettert. Ab da war klar, dass ich in Zukunft so etwas machen werde.

Flying Dutchman: Ich sag’ immer: Je höher, desto besser die Aussicht! Ich bin übers Fotografieren dazugekommen.

Hat euch auch der Roofing-Boom aus Osteuropa inspiriert?

Tom: Ich möchte mich klar vom Roofing distanzieren. Das sind irgendwelche lebensmüden, russischen Smartphone-Kinder, die einfach irgendwo herumkraxeln. Die wissen gar nicht, was sie da machen und auf welches Risiko sie sich einlassen.

Flying Dutchman: Wir machen nur Sachen, bei denen wir uns zu hundert Prozent sicher sind. Wir hatten auch öfter den Fall, dass wir nicht zur Spitze hinaufgegangen sind, weil wir uns dabei nicht wohlgefühlt haben.

Phil: Keiner wird angestachelt oder zu etwas gezwungen.

 

Wenn ihr an einem Arm über dem Abgrund hängt, geht ihr aber doch zusätzliches Risiko ein.

Tom: Wir checken das Material vorher. Ich hänge mich nicht an eine rostige Metallstange, nur weil das ein tolles Video hergeben würde.

Bei diesen Aktionen siehst du immer eher unbeeindruckt aus.

Tom: Das mache ich mit Absicht (alle lachen). Ich blende die Höhe komplett aus. In dem Moment existiert nur der Griff, nur meine Hände. Man muss das vorher tausend Mal auf der Klimmzugstange machen. Es ist uns wichtig zu sagen, dass wir wirklich extrem auf das trainiert sind. Das sollte kein untrainierter 16-Jähriger nachmachen.

Wie kann man den Kick beschreiben, wenn man oben ist?

Tom: Pures Adrenalin. Ein Zufriedenheitsgefühl, weil man es geschafft hat.

Flying Dutchman: Man kann es nicht beschreiben.

Tom: Und man wird definitiv süchtig danach.

Ist auch eine Lust an der Rebellion dabei?

Tom: Einen gesellschaftskritischen Touch hat es auf jeden Fall, weil wir uns in einer juristischen Grauzone bewegen. Es ist legal, weil es nicht illegal ist. Es gibt kein Gesetz, das verbietet, irgendwo hinaufzuklettern. Außer einer kleineren Geldstrafe haben wir nicht viel zu befürchten. Bisher hatten wir aber noch nie Probleme.

Nach dem Zwentendorf-Video hat die EVN aber Anzeige erstattet und von „erheblichem Sachschaden“ gesprochen.

Tom: Wir waren schon drei Mal dort oben und es ist nie zu Beschädigungen gekommen. Uns nervt, dass das jetzt kriminalisiert wird. Sachbeschädigung war überhaupt nicht notwendig. Wir machen so etwas einfach nicht.

Phil: Wir haben noch nie Schlösser aufgebrochen.

Flying Dutchman: Wir finden immer einen Weg. Irgendeine Tür ist immer offen.

Tom: Das ist ein Motto von uns.

Und was macht ihr beruflich?

Tom: Wir haben 40-Stunden-Jobs. Ich hab’ endlich was gefunden, wo ich mein außergewöhnliches Hobby zum Beruf machen kann. Ich mache Dachreinigung und bin den ganzen Tag auf den Dächern Wiens unterwegs (grinst).