Historiker über Heimskandal: "Erst getögelt, dann vergewaltigt"

Reinhard Sieder
Foto: KURIER Reinhard Sieder im KURIER-Gespräch über das Vietnam-Trauma der Heimkinder, deren Stigmatisierung und das Schweigen der Masse.

Der Sozialhistoriker Reinhard Sieder über das Gewalt­regime
in Wiener Heimen und die Folgen.

Er untersuchte die Wiener Kinderheime der Nachkriegszeit bis in die 1980er-Jahre – Reinhard Sieders kürzlich präsentierter Historiker-Bericht sorgte ob der schonungslosen Offenlegung des Gewaltsystems in Heimen für Aufsehen. Der Universitätsprofessor im KURIER-Interview.

KURIER: Heimkinder waren Opfer eines Systems?

Reinhard Sieder: Ihnen wurde schon am Beginn gesagt: Also deine langen Haare, die werden wir dir jetzt abschneiden. Dein Gewand, das brauchst nimmer. Und dann wird das Kind getögelt, dann wird es vergewaltigt. Das ist eine typische Karriere in einem Heim wie Eggenburg. Wir haben einen Fall, der war immer der kleine Schwache. Er wird ständig geprügelt. Dann wird er wieder attackiert und er wehrt sich mit der Schere und verletzt den anderen. Er wird psychiatriert und kommt dann in Haft. Für die Bürokratie ist damit ein Kleinkrimineller geschaffen. Aber wie wurde er kleinkriminell? Durch das, was man ihm getan hat. Er ist nicht als Kleinkrimineller geboren.

Ehemalige Heimkinder berichten, dass viele ihrer Heimkollegen Selbstmord begangen haben.

Wir haben schon etliche, die gesagt haben, sie hätten es versucht. Das ist klar. Das sind Prozesse der psychischen Zerstörung. Die gehen an den Selbstwert: "Ich bin doch nichts wert, ich wurde immer geprügelt. Ich hab’ keine gescheite Bildung. Wie soll ich lebenstüchtig sein?" Wenn man nicht eine sehr starke Natur hat, scheitert man immer wieder in seinen privaten Beziehungen, die zerbrechen. Kinder werden aufgegeben, weil die Leute überfordert sind von der Elternschaft. Berufe werden versucht, wieder aufgegeben. Ganz viele Ängste, die sich etwa nach zehn Jahren wieder verstärken.

Wieso nach zehn Jahren?

Also mein Eindruck ist zurzeit, dass es etwa zehn Jahre lang gelingt, es zu verdrängen und dann tauchen aber Erinnerungen und Erfahrungen aus den gewalttätigen Heimen wieder sehr stark auf. Wir kennen das auch aus anderen Forschungen. Nach dem Vietnamkrieg zum Beispiel.

Wie konnten all die Gräuel geschehen, ohne dass davon etwas nach außen dringt?

Das wenige, das wir über die Heimerzieher als Population, als Gruppe wissen, ist, dass sie überwiegend aus Familien kamen, die den Herkunftsfamilien der Heimkinder nur leicht überlegen waren. Deshalb konnten sie sich nicht vorstellen, dass es intelligente Kinder in den Heimen gibt, mit deutlich überdurchschnittlichen IQs, die völlig unterfordert sind in dem Schulangebot, das man ihnen gewährt.

Wie hat sich das auf die Heimkinder ausgewirkt?

Den Erziehern war der sichere Job bei der Gemeinde Wien wichtig. Sie taten alles, um bei ihren Formen von Erziehung kein Risiko einzugehen. Sonst wären sie ja zum Teil Totschläger gewesen. Sie schlagen dann ja auch auf eine vorsichtige Weise, um es bizarr auszudrücken. Dass sie Tricks verwenden, wie nicht drei Mal auf dieselbe Stelle schlagen, weil dann könnte eine Stelle im Gesicht aufplatzen.

Viele wünschen sich, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

Ja, das ist ein verständlicher Wunsch. Einzelne sagen: "Ich würde ihnen auch gerne die Knochen brechen, aber ich bin ein friedliebender Mensch und mach’s nicht."

An den Pakt des Schweigens haben sich ja nicht nur die Mitarbeiter der Heime gehalten.

Wenn ein Arzt sich mal aufgerafft und eine ordentliche Anzeige gemacht hätte wegen Fremdverschulden in Heimen, was nicht passiert ist. Oder eine Krankenschwester, die regelmäßig diese blau geprügelten Kinder mit Salben gepflegt hat, und kein einziges Mal die Frage stellt, "wer hat das getan?" Sie fragt es nicht, weil sie es dann wüsste. Und wenn sie dem Kind gegenüber zugeben würde, dass sie es weiß, dann würde der Druck anwachsen, etwas zu tun. Wenn ich schweige, ist der Druck geringer.

Es wird auch der Polizei vorgeworfen, keine Anzeigen von Heimkindern entgegengenommen zu haben.

Es war Anfang der 80er-Jahre: Da gehen Kinder aus dem Heim Pötzleinsdorf auf die Wachstube und sagen: "Wir haben in der Schule vom Lehrer gehört, dass ab heute das Prügeln in der Schule verboten ist per Gesetz. Das heißt doch, dass wir im Heim auch nicht mehr geprügelt werden dürfen?" Sagt der Polizist: "Wenn’s euch net glei schleicht’s, dann prügel ich euch." Das heißt, die Polizei war damals noch weit weg von dem Bewusstsein, dass heute wahrscheinlich zu weiten Teilen besteht. Dass auch Gewalt an Kindern und Jugendlichen anzuzeigen ist.

Nicht nur bei den Behörden, auch in der Bevölkerung waren die Kinder stigmatisiert.

In den 50er-Jahren sowieso, weil da ist jeder, der eine ärmliche Kleidung trägt, die einer Anstaltskleidung nahekommt, so ähnlich stigmatisiert wie die KZler. Die meisten waren doch der Meinung: Die gehören vergast, die gehören umgebracht. Mühlviertler Hasenjagd – das ist fünf Jahre bevor hier die ersten Fälle in Heimen superaktuell werden. Warum kam den KZ-Flüchtlingen sofort ein Täter-Status zu? Weil sie wie Häftlinge gekleidet waren, weil sie abgemagert waren, weil sie erbärmlich ausgeschaut haben. Nicht ganz so schlimm, aber doch in derselben Tendenz war das mit Heimkindern, die in Heimkleidung irgendwo marschieren.

Psychiater und Gutachter spielten auch eine merkwürdige Rolle.

Die Gutachter-Maschinerie schrieb das ab, was der vor ihnen geschrieben hat. Sie fügten zwei, drei Begriffe aus der medizinischen Sprache ein. Dann kam im Grunde eine Wiederholung dessen, was die Fürsorgerin in den Akt geschrieben hat. Und am Ende wurde bestätigt, dass die Einschätzung der Fürsorgerin schon richtig ist: "Dieses Kind muss ins Heim." In einem Fall, den wir analysiert haben, ist die erste Option Internat, Unterbringung in der Stadt des Kindes. Und als Alternative: Wilhelminenberg. Ja da fragt man sich, was wusste diese Person über diese zwei Orte? Wie kann sie sagen, das sind passende Alternativen? Das ist ja unglaublich. Die Psychologen des Jugendamtes hatten eigentlich keine Ahnung, was sie tun.

Wie ist es Ihnen bei der Arbeit gegangen?

Schlecht, sehr schlecht, wenn Sie diese Sachen hören und sich damit beschäftigen müssen. Meine Aufgabe ist, die Erzählerinnen und Erzähler anzuhören, dafür zu sorgen, dass ihre Texte veröffentlicht werden, sie ernst genommen werden. Aber ich darf nicht anfangen zu recherchieren, um irgendwelche Täter ausfindig zu machen. Das ist manchmal auch wirklich ärgerlich.

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(kurier / Georg Hönigsberger, Julia Schrenk) Erstellt am
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