Chronik | Wien
14.10.2014

Heiratsschwindler auf Österreich-Tour

Afrikaner führte 15 Beziehungen, darunter drei Ehen. Er zeugte sechs Kinder und sitzt in Haft.

Der vielleicht aktivste Heiratsschwindler der heimischen Kriminalgeschichte flog bereits Anfang Oktober auf, weil zwei seiner Opfer einander auf Facebook kennengelernt hatten. Als die enttäuschten Damen erkannten, dass sie denselben Mann verehrten, erstatteten beide in Wien Anzeige.

Mindestens 15 in Österreich lebende Frauen wussten bis vor Kurzem nicht, dass sie einen gemeinsamen Liebhaber oder Ehemann hatten. Drei der 15 Damen waren mit dem 28-jährigen gambischen Staatsbürger sogar verheiratet. Vier Frauen machte der Asylwerber von 2010 bis Juli 2014 zu Müttern. Zwei weitere Opfer sind schwanger. Zusätzlich führte Sonko Tijan alias Bojang Tijan alias Crang Junior in seiner Heimat mit einer Landsfrau eine Ehe.

Zusammengefasst: Der in Wien gemeldete 28-Jährige führte neben mehreren Beziehungen parallel vier Ehen – drei in Österreich, eine in Gambia – davon drei mit je einem Kind; ein weiteres in Österreich geborenes Baby ist unehelich. Seine Opfer sind zwischen 20 und 40 Jahre alt; die drei Ehefrauen wohnen in Wien und Niederösterreich.

Am Flughafen verhaftet

Laut Polizeisprecher Patrick Maierhofer wurde der Heiratsschwindler am 2. Oktober in Wien-Schwechat verhaftet. Er wollte nach einem kurzen Besuch in Gambia wieder nach Österreich einreisen.

Während der Verhöre staunten die Beamten nicht schlecht, als die Zahl der Opfer von Tag zu Tag anstieg. Der Afrikaner gab nicht nur falsche Liebe, er nahm auch echtes Geld. Und zwar bis dato mindestens 38.000 Euro. "Er gaukelte den Frauen vor, Unterstützung für seine Familie in Gambia zu benötigen und lockte damit den Damen Bargeld und Schmuck heraus", erklärte der Polizeisprecher.

Sonko Tijan dürfte bei der Suche nach seinen Opfern auf Österreich-Tour gegangen sein. Eine der ausgenutzten Lebensgefährtinnen soll aus Vorarlberg stammen. Maierhofer beschreibt seine Taktik: "Er lernte die Frauen immer in Lokalen kennen. Laut der ersten Aussagen dürfte der Herr sehr charmant und zuvorkommend agiert haben. Eine der Frauen lud er nach Gambia ein und ehelichte sie in seiner Heimat."

Die Kriminalisten glauben, dass mit weiteren Opfern und höherem Schaden gerechnet werden muss. Hinweise und Infos werden unter 01/31310-47228 auf Wunsch vertraulich vom Kriminalreferat Wien-Fünfhaus behandelt.

Weitere Delikte

Doch dem mutmaßlich professionellen Heiratsschwindler werden neben gewerbsmäßigem und schwerem Betrug noch weitere Delikte vorgeworfen. Denn auf zwei Standesämtern soll der Asylwerber Lichtbildausweise von Landsleuten vorgelegt haben. Daher auch die beiden Alias-Namen. Dass der Betrug (Gebrauch fremder Ausweise) bei den Beamten der Standesämter durchging, liegt darin, dass durch das Asylverfahren noch keine klare Identitätsfeststellung vorlag. Dem Vernehmen nach dürfte man sich auch mit der Ausweisleistung – immerhin war Sonko Tijan offiziell in Wien gemeldet – zufriedengegeben haben.

Zusätzlich erschlich sich der Täter aus Gambia über Jahre ärztliche Behandlungen und Leistungen. Mit der ecard eines Landsmannes ausgerüstet, besuchte er verschiedene Ärzte. Auch in den Praxen der niedergelassenen Mediziner fiel der Betrug nicht auf. Der Schaden beträgt in diesen Fällen mehrere Hundert Euro.

Reiz der Exotik und die Suche nach Liebe

Sucht man im Internet nach Liebes-Betrügern, findet man Hunderte Foren, in denen sich Opfer austauschen. Der KURIER ist seit Längerem mit einigen Frauen in Kontakt, denen die Wahrheit über ihre Liebhaber erst spät bewusst wurde. "Als ich ein Bild von ihm mit einer anderen Frau sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen", sagt Opfer Cornelia B. Auch sie verliebte sich 2011 in einen jungen Afrikaner, der ihr ein halbes Jahr die große Liebe vorgaukelte.

"Ich wusste schon, dass es viele Betrüger gibt, aber ich habe geglaubt, mir passiert das nicht", sagt die Betrogene. Dass mit diesem Satz viele verhängnisvolle Beziehungen beginnen, erklärt auch Psychologin und Sachverständige Daniela Renn: "Manche Frauen wollen gar nicht daran denken, dass sie eventuell mit einem Betrüger in Kontakt sind. Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist auch, dass die Männer aus ärmeren Ländern stammen. Da kann sich bei den Frauen ein Helfersyndrom entwickeln." Indem die Opfer helfen, wird ihr Selbstwert gesteigert. Viele Frauen entsprechen dem Schönheitsideal in Afrika. Wer ein bisschen zu rundlich ist, ist dort meist sogar noch zu dünn. Das Aussehen der Männer spielt auch eine Rolle: "Alleine aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Körperbaus fallen sie in Österreich eher auf. Deshalb kann es sein, dass sich die Partnerinnen besonders, dass sie sich außergewöhnlich fühlen", so Renn.