Chronik | Wien
09.09.2017

Heimische Justiz wurde von Seisenbachers Enthaftung überrumpelt

Behörden hoffen nun, dass der Olympiasieger nicht erneut untertaucht.

Die Entlassung Peter Seisenbachers aus der Auslieferungshaft in der Ukraine sorgt für große Verwunderung – auch bei der heimischen Justiz. Die wurde nämlich nicht darüber informiert, erfuhr erst aus den Medien davon. "Seit der Festnahme von Peter Seisenbacher haben wir keine offiziellen Informationen von den ukrainischen Behörden bekommen", sagt Thomas Spreitzer, Sprecher des Landesgerichts Wien.

Am Freitag hatte ein Richter in Kiew die Entscheidung getroffen. Denn gestern, Samstag, wäre die Auslieferungshaft, die zunächst maximal 40 Tage dauern darf, zu Ende gewesen. Seisenbacher war am 1. August festgenommen worden.

Selbst der Gerichtstermin wurde der heimischen Justiz nicht mitgeteilt – dafür gibt es allerdings auch keine Verpflichtung. Das Auslieferungsverfahren gegen den Olympiasieger läuft dennoch weiter. Der 57-Jährige darf die Ukraine bis auf Weiteres nicht verlassen.

Diplomatische Lösung

Die Wiener Anklagebehörde muss nun darauf vertrauen, dass Seisenbacher nicht erneut untertaucht. Denn die heimischen Behörden haben keine Möglichkeit, die Entscheidung in der Ukraine zu bekämpfen. Sollte Seisenbacher wieder von der Bildfläche verschwinden, könne man nur erneut einen internationalen Haftbefehl ausschreiben. Sollten Probleme auftauchen, wird das wohl auf diplomatischer Ebene gelöst werden müssen.

Seisenbacher war im August nach einer monatelangen Flucht in einer Kiewer Wohnung verhaftet worden. Er hätte sich in Wien einem Prozess stellen sollen – tauchte aber nicht auf. Dem Doppel-Olympiasieger wird vorgeworfen, zwei Mädchen missbraucht zu haben. Die Übergriffe sollen in seiner Zeit als Trainer zwischen 1997 und 2004 in einem Wiener Judo-Verein geschehen sein.

Seisenbacher hatte sich vor dem Prozesstermin in Wien von Georgien in die Ukraine abgesetzt. Zuletzt hatte er die Judo-Nationalmannschaft Aserbaidschans trainiert. Die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes hefteten sich daraufhin an seine Fersen. Zum Verhängnis wurde ihm unter anderem, dass er regelmäßig Kontakt mit seiner betagten Mutter aufgenommen hatte.