Chronik | Wien
18.01.2012

Happy End für den ehrlichen Obdachlosen

Hermann Schleichert fand 7000 Euro auf der Straße und brachte das Geld zur Polizei. Dank zahlreicher Spenden kann er bald eine eigene Wohnung beziehen.

Als Hermann Schleichert (48) am Stefanitag mitten auf der Straße in Wien ein Kuvert mit 7000 Euro findet, tut er das, was ihm sein Herz und sein Gewissen sagen: Er bringt das Geld zur Polizei. "Keine Sekunde habe ich daran gedacht, das Geld zu behalten. Das wäre ja Diebstahl", erzählte er im KURIER. Dabei hätte Schleichert das Geld bitter nötig gehabt: Er lebt im Vinzenzhaus der Caritas, einem Übergangswohnheim für ehemalige Alkoholiker und Obdachlose. 1500 Euro benötigt er als Startkapital für eine Gemeindewohnung, 400 hat er gespart.

Die Geschichte vom armen, ehrlichen Finder hat Menschen und Medien bewegt. Die Welt, Focus, Stern, Berliner Morgenpost und n-tv zitierten den KURIER-Artikel, RTL und Spiegel wollten selbst nach Wien kommen und Schleichert interviewen. "Mit dem hab’ ich echt nicht gerechnet", sagt Schleichert.

Enorme Reaktionen

Mit so einer Welle an Sympathie und Hilfsbereitschaft der KURIER-Leser hatte auch die Caritas nicht gerechnet. "Seit drei Tagen sind wir mit nichts anderem beschäftigt, als Mails und Anrufe zu beantworten", berichtet Sozialarbeiterin Ingrid Beer, die Schleichert betreut.

Dutzende KURIER-Leser meldeten sich im Vinzenzhaus, in der Gruft und auch in der KURIER-Redaktion, um zu helfen – sogar aus Deutschland. Viele wollten dem 48-Jährigen eine kleine Spende zukommen lassen; andere wollten ihm die Miete für eine künftige Gemeindewohnung zahlen, und einige boten Schleichert sogar einen Job an.

"Die gute Nachricht: Wir haben das Geld für eine Wohnung beisammen", sagt Sozialarbeiterin Beer. Um Schleichert weiter zu unterstützen, hat die Caritas ein Spendenkonto eingerichtet, das von seiner Betreuerin verwaltet wird.

Seit Montag liegen auf diesem Konto zusätzliche 1000 Euro – überwiesen von jenem Mann, der das Geld verloren hat. 450 Euro wären Hermann Schleichert vom Gesetz her an Finderlohn zugestanden.

Mario Berisha, 44, wollte bereits vor einer Woche Kontakt mit dem ehrlichen Finder aufnehmen – doch diese Information wurde irrtümlich nie weitergeleitet. Der gebürtige Kosovo-Albaner lebt seit 25 Jahren in Wien, wo er einen Malerbetrieb mit 15 Angestellten führt. Den 26. Dezember 2011 wird er sein Leben lang nicht vergessen: Berisha hat 7000 Euro in bar eingesteckt, weil er am nächsten Tag mit seiner Frau, einer Krankenschwester, und den beiden Kindern die Familie im Kosovo besuchen will. Der Vater hat Kehlkopfkrebs – für dessen Behandlung durch Privatärzte hat er das Geld abgehoben. "Ich war verzweifelt, hab’ geschrien, geflucht, alles abgesucht." Dann die erlösende Nachricht: Ein Obdachloser hat das Geld gefunden und abgegeben. "Es war wie im Märchen. Dass es so ehrliche Menschen gibt! Ich will den Mann unbedingt kennenlernen."

Das wird noch dauern. Beer: "Herr Schleichert ist vom Rummel psychisch ziemlich mitgenommen. Er ist mit der Situation völlig überfordert und braucht jetzt Ruhe."


SPENDEN: Caritas, Bankhaus Schelhammer & Schattera, BLZ: 19190, Konto. Nr.: 100081, "Vinzenzhaus – Hermann Schleichert". Kontakt Vinzenzhaus: 01/5971600