Chronik | Wien 05.12.2011

Halb so viele Prostituierte am Strich

© Bild: KURIER /gnedt martin

Stadträtin Frauenberger möchte über städtische Laufhäuser reden und Escort-Anbieter an die Kandare nehmen.

Kein anderes rot-grünes Gesetz ist umstrittener als das Prostitutionsgesetz. Sexarbeiterinnen und Anrainer sind unzufrieden und Experten berichten von Bandenkriegen unter Zuhältern. Stadträtin Frauenberger (SPÖ) steht dennoch zu den Neuerungen. Sie geht nun gegen den Bund in die Offensive. Auch über Laufhäuser, die von der Stadt betrieben werden, will sie diskutieren.

KURIER: Frau Stadträtin, das rot-grüne Prostitutionsgesetz wird seit Wochen sturmreif geschossen. Es scheint, als hätte das Gesetz mit Ausnahme auf der Felberstraße die Situation verschlechtert.
Sandra Frauenberger:
Sicher nicht. Wir verfolgen ja drei Ziele: Wir wollen eine Verlagerung der Prostitution nach innen; wir wollen mehr Sicherheit für die Frauen; und wir wollen eine Entlastung für Anrainer. Seit das Gesetz gilt, können wir in all diesen Bereichen positive Entwicklungen feststellen. Man muss einfach sehen: Die Situation auf der Straße hat sich deutlich entspannt. Die Opposition sollte das auch tun.

Sexarbeiterinnen sind verunsichert, Erlaubniszonen wurden eingerichtet und wieder verworfen. Die Umsetzung des Gesetzes war doch alles andere als optimal.
Das sehe ich anders. Wir haben eine Reduktion der Straßenprostitution um mehr als die Hälfte erreicht. Vor dem Gesetz gab es 130 Frauen auf der Straße, heute sind es zwischen 30 und 55, die im Prater stehen. 2010 standen allein auf der Felberstraße doppelt so viele. Und das Gesetz wird auch für Schlepper nicht ohne Folgen bleiben.

Wie viele Frauen werden in Wien von Schleppern zur Prostitution gezwungen?
Offizielle Zahlen fehlen. Die Polizei glaubt, dass zwei Drittel aller Frauen, die auf der Straße anschaffen, betroffen sind.

Was sagen Sie einer Sexarbeiterin, die meint: "Der Zwang ist im Bordell größer als auf der Straße, weil ich Betreibern plötzlich deutlich mehr Geld abliefern muss. "
Umgekehrt wurde der Preis auf der Straße durch den Menschenhandel in den letzten Jahren massiv gedrückt. Auch darunter haben die Frauen gelitten. Und eines muss ich schon sagen: Indoor arbeiten heißt sicher arbeiten und mehr Sicherheit für die Frauen hat aus meiner Sicht absoluten Vorrang.

Warum verbieten Sie den Straßenstrich nicht komplett?

Schauen Sie nach Dortmund! Dort ist genau das im Mai passiert. Mit dem Ergebnis, dass Frauen für Sozialarbeiter und Polizei unerreichbar sind. Ja, wir wollen die Entflechtung von Straßenstrich und Wohngebieten, aber SPÖ und Grüne sind klar gegen ein Totalverbot.

Wäre es für Sie denkbar, städtische Laufhäuser wie in Zürich einzurichten?

Selbstverwaltete Laufhäuser sind ein Ziel. Dass die Stadt solche Häuser betreibt, ist derzeit nicht geplant. Die Steuerungsgruppe wird darüber diskutieren. Wir werden uns auch mit den vielen Escort-Anbietern in der Stadt stärker auseinandersetzen müssen.

Die Grünen wollen den Gürtel für den Strich öffnen.

Ich greife den Entscheidungen der Steuerungsgruppe nicht vor. Jetzt sind die Bezirke am Wort. Im 7. und im 15. Bezirk sind wir auf der Suche nach neuen Zonen. Und mit den Gürtelbezirken laufen Gespräche. Ergebnisse wird es heuer nicht mehr geben. Das Gesetz braucht Zeit.

Was sagen Sie dazu, dass Asylwerberinnen in Österreich keinen Job ausüben dürfen bis auf eine Ausnahme: Prostitution?

Das ist eine Katastrophe. Der Bund ist gefordert: Jeder Mensch, der hier legal lebt, soll auch arbeiten dürfen. Außerdem muss endlich der Paragraf der Sittenwidrigkeit fallen. Ich mache seit Jahren auf diesen Missstand aufmerksam und ich werde es auch weiter tun.

Erstellt am 05.12.2011