Chronik | Wien
13.04.2017

Häftling zündete in Wien Zelle an, weil keiner Arabisch sprach

Algerier wollte in Justizanstalt Josefstadt in anderen Haftraum verlegt werden. Drei Zellengenossen bei Feuersbrunst schwer verletzt. Der Prozess wurde vertagt.

"Die Insassen haben kein Wort Arabisch geredet. Ich wollte nicht dortbleiben" - mit diesen Worten hat am Donnerstag ein Häftling der Justizanstalt (JA) Wien-Josefstadt erklärt, weshalb er seinen Haftraum in Brand setzte. Das Feuer hätte die drei Zellengenossen des Algeriers beinahe das Leben gekostet. Die Verhandlung im Wiener Landesgericht machte deutlich, dass das dem 32-Jährigen bewusst war.

Der Nordafrikaner hält sich eigenen Angaben zufolge seit elf bis zwölf Jahren in Europa auf und war 2013 nach Österreich gekommen. Nach einem negativen Asylbescheid und drei Vorstrafen sollte er abgeschoben werden. Im Polizeianhaltezentrum (PAZ) fiel er durch aggressives Verhalten auf und sollte, nachdem er einen Putzkübel zertrümmert hatte, in eine besonders geschützte Zelle verlegt werden. Dagegen wehrte er sich, indem er um sich schlug und einen Polizisten zu Boden brachte. Danach schlug er auf den Beamten ein.

"Ich konnte mich mit ihnen nicht verständigen"

Daraufhin wurde der Algerier in die JA Josefstadt verlegt, wo am 15. Oktober 2016 über ihn die U-Haft wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung verhängt wurde. Die Zelle, in die er zunächst kam, passte ihm nicht. "Das Zimmer hat mir nicht gefallen. Die anderen haben gebetet in dem Zimmer", erläuterte er einem Schöffensenat (Vorsitz: Christian Noe). Die JA verlegte den 32-Jährigen am folgenden Tag in eine Vier-Mann-Zelle. Auch dort fühlte er sich nicht wohl: "Ich konnte mich mit ihnen nicht verständigen." Dass die Zellengenossen des Mannes ihm Zigaretten schenkten und ihm Essen überließen, änderte nichts daran, dass er partout neuerlich in einen anderen Haftraum übersiedeln wollte. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, zertrümmerte er kurzerhand ein Fernseh- und ein Radiogerät.

Als ihm die Justizwache klar machte, dass es spät am Abend sei und er jedenfalls die Nacht über in der Zelle bleiben müsse, sei er "wie ein Verrückter herumgegangen. Ich wollte mit allen Mitteln verlegt werden", erklärte der Angeklagte. Deswegen habe er seine Matratze mit einem Feuerzeug angezündet und die drei Mitgefangenen daran gehindert, die Flammen zu löschen, indem er sich mit zwei Speisemessern bewaffnete und die anderen Männern bedrohte. Die Flammen breiteten sich rasch aus. "Ein kleines Zimmer und ein Riesenfeuer. Ich wollte die Wachebeamten auf mich aufmerksam machen", gab der Algerier zu Protokoll. Es sei "ein bisschen Rauch" in der Zelle gewesen, "aber ich wollte niemanden verletzen. Meine Absicht war, dass ich verlegt werde."

Erst als sich derart dichter Rauch ausgebreitet hatte, dass man kaum mehr etwas sehen konnte, gelang es einem der Zellengenossen, den Alarmknopf zu drücken. Als sich ein Wachebeamter über die Sprechanlage meldete und fragte, was los sei, feixte der Algerier: "Was ist los, was ist los? Kartoffel mit Soße." Das sei "der eine Satz, den ich hier in Österreich gelernt habe", gab er dazu auf Befragen des Vorsitzenden an.

Drei Mitgefangene in Lebensgefahr

Schließlich rückte die Betriebsfeuerwehr an und dämmte die Flammen ein. Die drei Mitgefangenen des Algeriers wurden schwer verletzt. Einer schwebte sogar in Lebensgefahr - er erlitt ein massives Inhalationstrauma und Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Ein weiterer trug ein posttraumatisches Belastungssyndrom davon, das einer schweren Körperverletzung gleichzusetzen ist. Elf Justizwachebeamte erlitten Rauchgasvergiftungen und mussten vorübergehend im Spital behandelt werden. Der Algerier selbst blieb unverletzt - er hatte während des Brandes im Nassbereich der Zelle den Kopf immer wieder unter fließendes Wasser gehalten.

"Wenn die Justizwache nicht eingegriffen hätte, wären wir tot. Alle", räumte der Angeklagte ein. Und weiter: "Ich habe einen schlechten Tag erwischt. Ich war voller seelischer Unruhe."Auf die Frage des Richters, ob die Situation lebensbedrohlich gewesen sei, meinte der 32-Jährige: "Stellen Sie die Frage so, dass ich antworten kann." Umgehend legte der Richter mit einer "verbesserten" Fragestellung nach, worauf der Angeklagte antwortete: "Ich habe gewusst, dass das eine gefährliche Situation ist. Aber ich war mir sicher, dass die kommen werden. Die lassen uns nicht sterben."

Prozess auf Mitte Mai vertagt

Auch mit weiteren Fragen des Richters war der Mann nicht einverstanden. "Diese Frage überzeugt mich nicht" oder "Die Fragen sind nicht klar", beschied er dem Vorsitzenden. "Wie geht es Ihnen jetzt?", wollte der Richter noch wissen. - "Es geht mir gut. Ich bin in einer Einzelzelle."

Zu einem Urteil kam es am Donnerstag nicht. Der Prozess wurde auf den 12. Mai vertagt. Das Gericht will auch noch zwei Beamte hören, die keine Zeugenladung erhalten hatten.