Ramon Johannes G. vor Gericht

© /Ricardo Peyerl

Im Gefängnis geboren
10/19/2016

"Häfenkind" zum 18. Mal vor Gericht: "Interessanter Lebenslauf"

Im Gefängnis geboren: Der 68-jährige Musiker sammelt Vorstrafen als Dealer. Nun ist er in einen Drogenkrieg geraten.

von Ricardo Peyerl

Ramon Johannes G. hat in seiner kriminellen "Laufbahn" schon viele Richter gesehen. Sein 18. Gastspiel im Grauen Haus in Wien, eigentlich ein "Heimspiel", wird von einer ehemaligen Justizministerin geleitet. "Ich bin hier geboren", sagt das 68-jährige "Häfenkind" zum Prozessauftakt. "Interessanter Lebenslauf", erwidert Richterin Claudia Bandion-Ortner.

Ramon Johannes G. kam am 24. März 1948 als Kind einer Gefangenen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt zur Welt (der KURIER berichtete) und verbrachte die ersten drei Monate mit seiner Mutter in der Zelle. Als Baronin aus einem bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Adelsgeschlecht war sie auf Abwege geraten und saß wegen Juwelendiebstahls ein.

Ramon Johannes entstammt der Beziehung mit einem in Jamaika geborenen amerikanischen Besatzungssoldaten namens Robert James. Nach dem Aufenthalt im Gefangenenhaus kam der Bub in Heime, unter anderem nach Eggenberg, NÖ. Dort wurde er missbraucht. Zu diesem Zeitpunkt wurden offenbar die Weichen für seine Drogensucht gestellt. "A patschertes Leben", fasst sein Verteidiger Nikolaus Rast zusammen. "I hab mein Leben verkackt", nennt es G. "auf gut wienerisch".

Musikstudium

Immerhin entdeckte er aber den Jazz für sich. Er lernte als Kind Klavier, besuchte dann neun Semester das Konservatorium und studierte Schlagzeug, spielte in Österreich und im Ausland.

Dazwischen kehrte er immer wieder an seinen Geburtsort zurück und saß insgesamt 16 Jahre hinter Gitter.

"Mich wundert’s, wann Sie da überhaupt Zeit hatten, Musik zu spielen", sagt die Richterin.

G. hatte sich, vor allem um seine Sucht zu finanzieren, immer wieder als Dealer betätigt. Daher stammen seine 17 Vorstrafen. Beim 18. Mal aber ist er in einen veritablen Drogenkrieg hineingeraten. Innerhalb der für eine Entziehungstherapie gewährten Probezeit ("Therapie statt Strafe") soll er Kokain und Cannabisharz verkauft haben. Sein mutmaßlicher Lieferant Goran J. sitzt ebenfalls auf der Anklagebank.

Der Prozess dreht sich hauptsächlich um diesen. Goran J. soll 220 kg Cannabisharz von Amsterdam nach Österreich geschmuggelt haben. Den Hinweis auf diesen Coup verdankt der Staatsanwalt der "Lebensbeichte" eines Thomas K., der sich als Kronzeuge andiente, um selbst eine mildere Strafe zu bekommen. Goran J. bestreitet allerdings, an dem Schmuggel beteiligt gewesen zu sein und bezichtigt den Kronzeugen, Richter und Staatsanwälte bestochen zu haben.

Über Leichen

Bandion-Ortner lässt den Zeugen Thomas K. aus der Haft vorführen. Er bleibt bei seiner Belastung. Im Gerichtssaal entbrennt ein verbaler Schlagabtausch. Der Zeuge sagt zum Angeklagten Goran J.: "Du gehst über Leichen." Dieser erwidert: "Wer hat denn die Vorstrafen? Du hast auf Leute geschossen." Resümee der Richterin, ehe sie zu weiteren Zeugeneinvernahmen vertagt: "Dass Sie nicht die besten Freunde werden, war mir klar."

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