Chronik | Wien
05.12.2011

Grüne bremsen Autobahn-Ring aus

Neuen Schnellstraßen wie der S 8 wird eine Absage erteilt. Eine Wien-Card soll den Umstieg auf die Öffis erleichtern.

Der beste Freund des Pendlers ist das Auto. 417.000 Menschen passieren so täglich die Wiener Stadtgrenze - und es könnten weit mehr werden. Kürzlich gaben Verkehrsministerin Doris Bures (SP) und der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) den feierlichen Startschuss zum Bau der S 8 Marchfeldschnellstraße (siehe Grafik). Sie beginnt kurz vor Wien und soll zur slowakischen Grenze führen. "Die S 8 ist ein wichtiger Faktor für die Region und eine Entlastungsstraße für Wien, da sie einen wichtigen Anschluss in die Slowakei bietet", erklärt ÖAMTC-Experte Willy Matzke: "2018 könnten wir fertig sein."

Widerstand

Doch die Rechnung haben Bures, Pröll und Matzke ohne die Wiener Stadtregierung gemacht - zumindest ohne den grünen Juniorpartner der SPÖ. "Wir sind klar gegen den Bau der Marchfeldschnellstraße (S 8) und gegen den Bau der Lobauautobahn (S1)", sagt der grüne Verkehrssprecher Rüdiger Maresch. Das klare Nord-Süd-Gefälle bei den Pendlern mache deutlich: "Mehr Straßen bedeutet mehr Verkehr. Das wollen wir verhindern."

Eine Studie zeigt, dass dort, wo große Straßen Wien erreichen, die meisten Pendler einströmen. So fahren täglich auf der Südautobahn (A 2) 169.500 Autos nach Wien, doppelt so viele wie aus dem gesamten Norden Wiens. Der Haken: Die S 8 wird in Niederösterreich errichtet, eine Wiener Mitsprache ist kaum möglich.

Der grüne Vorstoß überrascht die SPÖ. "Will Maresch jetzt auch in NÖ Verkehrspolitik machen?", fragt Karlheinz Hora, Verkehrssprecher der SPÖ ironisch. "Maresch kennt seine Kompetenzgrenzen nicht." Anders sieht die Lage bei der S1-Verlängerung inklusive Lobautunnel aus, die den Autobahn-Ring im Osten Wiens schließen soll. Auch hier sind die Grünen gegen den Bau und bekommen unerwartete Unterstützung. ÖAMTC-Experte Matzke: "Der Lobautunnel ist unsinnig, gefährlich und noch dazu unbezahlbar."

Im Koalitionspakt ist festgehalten, dass es nun eine Umweltverträglichkeitsprüfung bis 2016 geben soll. Hora: "Wir warten ab, was die Prüfung ergibt." Doch für Matzke ist schon jetzt klar: Der 8,3 Kilometer lange Tunnel wird es nicht durch die Prüfung schaffen: "Im Falle eines Brands könnten Feuerwehr und Rettung nicht zufahren."

City-Maut & Wien-Card

Auch im Süden Wiens sehen die Grünen Handlungsbedarf. "Vösendorf ist mit der SCS die reichste Gemeinde Österreichs", sagt Maresch. 19.000 Pendler fahren täglich aus Vösendorf in die Stadt. "Deshalb werden wir in einer möglichen zweiten Legislaturperiode über die Einführung der Citymaut diskutieren müssen", glaubt der Grün-Politiker. "Ist die Wirtschaftskammer vernünftig, stimmt sie dem Projekt zu." Schließlich würde das Geld nicht mehr in NÖ sondern in Wien ausgegeben.

Früher als die City-Maut könnte eine Wien-Card kommen. "Das Ziel muss lauten, integrierte Tarife zu fördern", sagt Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou dem KURIER. Wer eine Chipkarte mit der Jahreskarte der Wiener Linien besitzt, könnte künftig in anderen Einrichtungen weniger bezahlen - etwa in städtischen Bädern oder im Theater. Diese Karte könnte womöglich auch Pendlern aus dem Umland zugute kommen. "Viel-Öffi-Fahrer müssen belohnt werden. In Ansätzen geschieht das schon heute." Ein Ausbau des Modells wäre grundsätzlich noch in dieser Legislaturperiode möglich.