Chronik | Wien
22.05.2017

Geschäftsschwund in den Flächenbezirken: "Eine abschreckende Visitenkarte"

In Floridsdorf, Simmering oder Donaustadt leiden immer mehr Ortskerne unter der Abwanderung von Unternehmen

"1 €" und "Spitze" steht auf dem gelben Schild über dem Geschäftslokal in der Brünner Straße. Doch spitze läuft es für viele Geschäftstreibende am Floridsdorfer Spitz seit Längrem nicht mehr. Eine Vielzahl der Geschäfte im Grätzel steht leer. Das Einkaufszentrum "Einkaufsspitz" ist seit mittlerweile drei Jahren geschlossen, das vormalige "Woolworth"-Gebäude wurde bereits abgerissen. (Anstelle des Einkaufszentrums werden Wohnungen, Büros und Ordinationen entstehen – aber nur ein Geschäft.) Unter den noch offenen Läden sind viele Handyshops, Ein-Euro-Geschäfte und Bestattungsunternehmen.

Werner Winkler ist einer der wenigen Wiener Unternehmer, der hier noch einen Laden hat: ein Fachgeschäft für Nähzubehör, Wolle und Bademode.

"Es ist ein Teufelskreislauf", kommentiert der 62-Jährige die Situation. "Durch die wenigen Geschäfte bleiben die Kunden aus, und weil keine Kunden da sind, will auch niemand hier ein Geschäft aufmachen. Die Unternehmer gehen lieber in die großen Einkaufszentren, wo es viele Shops und Parkplätze gibt."

Vielfalt gesucht

Auch Frau Traude, die ein paar Türen weiter in der Likörstube von Franz Sveceny arbeitet, kann bestätigen, dass es immer stiller wird: "Ich hab ja nix gegen Kebabbuden, aber nur damit lockt man halt keine neuen Leute an. Es braucht Vielfalt."

Doch der Floridsdorfer Spitz ist kein Einzelfall. Wenn man sich in Wiens Flächenbezirken umsieht, trifft man immer wieder auf das Phänomen der aussterbenden Geschäftsstraßen neben attraktiven Einkaufszentren. So auch in Simmering. "Alle Unternehmer, die etwas auf sich halten, sind ins Einkaufszentrum in der Grillgasse abgesiedelt", sagt Wolfgang Kieslich, Chef der ÖVP in Simmering. Auf der Simmeringer Hauptstraße reihen sich ebenfalls hauptsächlich Ein-Euro-Shops, Handyläden und Bäcker aneinander. Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Donaustadt. "Derzeit zieht es alle in die Seestadt. Aber andere Ortskerne wie Essling leiden darunter", sagt Donaustadts ÖVP-Obmann Wolfgang Vosko. "Ohne Auto zum Nahversorger zu kommen, wird immer schwieriger. Gerade für ältere Personen ist das problematisch."

Die vier Säulen

RegioPlan-Geschäftsführerin Hania Bomba überrascht diese Entwicklung nicht. "Das Einmaleins des erfolgreichen Handels baut auf vier Säulen auf: Erreichbarkeit, Auswahl, Atmosphäre und Parkplätze. Eigentlich sind in einer schönen Stadt wie Wien Einkaufsstraßen begünstigt, weil es hier viel Atmosphäre gibt. Aber wenn Shoppingzentren die vier Säulen insgesamt besser ausbauen, können sie Einkaufsstraßen dennoch ausstechen."

Aus eigener Kraft können die Unternehmer der Einkaufsstraßen oft nicht allzu viel an dieser Problematik ändern. Um die Situation in Floridsdorf zu verbessern, hat der dortige ÖVP-Bezirkschef Erol Holawatsch bereits vor zwei Jahren einen Antrag in der Bezirksvertretung eingebracht. Er forderte, gemeinsam mit Wirtschaftskammer und Wirtschaftsagentur ein sinnvolles Konzept für das Grätzel zu erarbeiten.

Passiert ist das bis heute nicht. Locker will Holawatsch dennoch nicht lassen. Denn ihm ist bewusst: "Das Bezirkszentrum ist die Visitenkarte des Bezirks. Leider ist es derzeit eine abschreckende."