Chronik | Wien 15.04.2012

Geräuschesammler vetont Wien

Tonjäger: Johannes Kapeller sammelt Geräusche aus jedem Winkel Österreichs. Sein Ziel: Eine akustische Landkarte der Stadt Wien.

 Da soll noch einer sagen, Männer können nicht zuhören: der Soundtracker Johannes Kapeller, ausgerüstet mit Ste­reomikrofon, Windschutz und Rekorder, steht auf dem ehemaligen Flugfeld in Wien-Aspern und hört ganz tief in die unverbaute Ebene hinein: „Durch das Geräusche­sammeln bin ich gezwungen, still zu sein.“ Sein Resümee nach 15 Minuten Lauschangriff: „Baustellen-Atmo mit ein paar Natureinsprengseln, Vogelgezwitscher und ganz leise im Hintergrund, die Schritte eines Joggers.“ Kapellers Aufnahme ist ein Tondokument. In einem Jahr, wenn die ersten Bewohner einziehen, wird die „Seestadt“ gänzlich andere Geräusche erzeugen als heute.

Wien hält laut dem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Österreichischen Mediathek viele unbemerkte, aber charakteristische Alltags-Klänge bereit. Als Nächstes möchte der 37-Jährige das Trippeln und Trappeln von Stöckelschuhen auf der Kärntner Straße aufnehmen. Geplant ist ein akustischer Stadtplan für jeden Wiener Bezirk. Das Stadtzentrum von Salzburg hat es dem Geräuschesammler in letzter Zeit besonders angetan. „Die Innenstadt ist eine Naturarena. Zwischen Mönchsberg, Kapuzinerberg und Salzach gibt es wenig Verkehrslärm, dafür ein historisches Glockenensemble – dieser Klang ist einmalig.“

An den meisten Ecken Österreichs bekommt Kapeller hingegen akustischen Einheitsbrei geboten. Schuld daran ist der Ausbau der hochrangigen Verkehrsnetze, die fast jeden Winkel des Landes erreichen. Das bedeutet für den Tonjäger: Ohren spitzen und wie ein Goldgräber nach dem besonderen Geräusch suchen – der Sensation, der Dramaturgie des Alltags, etwa einem Sonnenuntergang: „Wenn das vroum-vroum weniger wird, treten andere Geräusche genauer hervor, das Kreischen von Zugbremsen, oder das alarmierte huit einer Nachtigall. Im Sommer kommt das metallisch-schneidende Geräusch von balzenden Grillen dazu. Es klingt banal, aber das aufzunehmen, lehrt dich viel über die Welt, in der du lebst.“

Toter Winkel

Stille findet man in Österreich kaum noch. Nur im Toten Gebirge könnte es sich ausgehen mit der Gipfelruh`. Die abgeschiedene Gebirgsgruppe liegt im richtigen Abstand zu allen Verkehrsadern, „den Versuch wäre es wert, dort nach dem stillsten Ort Österreichs zu suchen". Der US-Tonjäger Gordon Hempton nennt die Ruhe vor dem menschlichen Lärm „Wahrheit". Um den letzten friedlichen Flecken der USA, den Olympic National Park bei Seattle, zu schützen, bittet Hempton Fluglinien, die Routen ihrer Jets zu ändern. So weit würde Kapeller nicht gehen: „Absolute Stille hat etwas Unheimliches." Zu seinem Hobby ist der Forscher zufällig gekommen. Im YMCA in New York saß er eines Tages am Fenster und war verblüfft. „Ich war zum ersten Mal in New York. Aber das, was von der Straße heraufgekommen ist, habe ich gekannt. Aus Hollywood-Filmen." Hätte Kapeller einen Wunsch frei, dann würde er im Wien um 1900 Töne sammeln wollen – freilich „vor der Motorisierung".

( Kurier ) Erstellt am 15.04.2012