Chronik | Wien 28.01.2012

Frau, die ihr Baby verlor, war schon Risiko-Patientin im AKH

Der KURIER sprach mit Sandra W. über ihre Risikoschwangerschaft im Jahr 2007 – damals wurde sie im AKH nicht abgewiesen.

Das Radio läuft nicht. Und auch den Fernseher in ihrem winzigen Wohnzimmer schalten Sandra W. und ihr Freund Markus kaum noch ein. Nur das Handy von Sandra W. läutet alle zwei Minuten. „Wahrscheinlich schon wieder ein Journalist“, sagt die 26-Jährige und steckt es in die Couch, wo sie das Läuten nicht hören muss. Ihr Freund Markus nimmt sie in den Arm.

Krankenhäuser, Ärzte, Journalisten. Ganz plötzlich wollen alle mit Sandra W. sprechen. Mit jener Frau, die trotz Blutungen erst im dritten Wiener Spital aufgenommen wurde und ihr Ungeborenes letztlich verloren hat. Im KURIER-Interview spricht Sandra W. über ihren Wunsch nach Aufklärung und ihren vierjährigen Sohn – den sie 2007 als Risikopatientin im AKH entbunden hat.

KURIER: Frau W., Sie haben Traumatisches hinter sich. Trotzdem wirken Sie sehr gefasst. Ist das nur Fassade?

Sandra W.: Durch die ganzen Medienberichte komme ich überhaupt nicht zum Nachdenken. Jedes Mal, wenn ich das Radio einschalte und die Berichte über mich höre, ist es ein Realitätsschock und alles steht wieder vor mir.

Was gibt Ihnen in dieser schweren Zeit Halt?

Mein Freund Markus und mein Sohn. Wir sprechen viel über das Vorgefallene. Auch mein Sohn fragt ja, wo das Baby jetzt ist.

Risikoschwangerschaften wie Frühgeburten werden im AKH Wien optimal betreut
© Bild: KURIER

Wir haben Ihren vierjährigen Sohn in unseren Berichten bisher nicht erwähnt. Wo ist er geboren worden?

Das war 2007 im AKH. Angemeldet war ich im Göttlichen Heiland. Aber mein Gynäkologe hat im achten Monat festgestellt, dass Wasser im Bauch meines Sohnes ist. Daraufhin wurde ich im Göttlichen Heiland nochmals untersucht und als Risikoschwangerschaft eingestuft. Deshalb wurde ich von den Ärzten damals ins AKH vermittelt, weil man dort für solche Fälle besser gerüstet ist.

Sind Sie bei Ihrer ersten Schwangerschaft im AKH gleich aufgenommen worden?

Ja, sofort. Die Ärzte haben mich untersucht und mir alles erklärt.

Sind Sie sich damals im AKH gut betreut vorgekommen?

Die waren absolut super. Die Betreuung war spitze.

Wie ist das Kind dann zur Welt gekommen?

Per Kaiserschnitt, das war ca. zweieinhalb Wochen vor dem Geburtstermin. Und mein Sohn ist ganz gesund auf die Welt gekommen.

Als Sie vor zwei Wochen mit Blutungen ins AKH gekommen sind, haben Sie da gesagt, dass sie dort schon einmal als Risikopatientin entbunden haben?

Natürlich. Deshalb bin ich ja auch ins AKH gefahren, nachdem ich im Göttlichen Heiland keinen Grund für die Blutungen erfahren habe. Ich habe mich selbst als Risikoschwangerschaft eingestuft.

Haben Sie das auch gesagt?

Ja. Schon bei der Anmeldung, als ich das Anmeldeblatt bekommen habe, habe ich gesagt, dass meine Daten schon da sein müssten, weil ich hier schon ein Kind bekommen habe. Aber im Computer ist das angeblich nicht aufgeschienen. Der Ärztin habe ich gesagt, dass ich damals eine Risikoschwangerschaft war.

Wie hat sie darauf reagiert?

Sie hat nicht nachgefragt und darauf nicht reagiert.

Die Krankenhäuser haben sich bei Ihnen entschuldigt. Hat das geholfen?

Ja, Doktor Krepler vom AKH hat mich noch vor dem ersten KURIER-Artikel angerufen. Er war sehr einfühlsam und ich hatte den Eindruck, dass er mich auch wirklich versteht. Er hat auch klar gesagt, dass Fehler passiert sind. Und er hat mir – damals war ich ja noch schwanger – einen Geburtstermin angeboten. Er war wirklich sehr freundlich. Auch der Wiener Krankenanstaltenverbund hat sich entschuldigt. Diese Anrufe haben mich sehr gestärkt.

Warum haben Sie sich damals eigentlich an den KURIER gewandt?

Das hört sich vielleicht dumm an, aber ich wollte Gerechtigkeit für unser Kind. Ich wollte, dass die Leute wissen, wie einen die Ärzte teilweise hängen lassen und ich wollte nicht, dass das unter den Teppich gekehrt wird.

Was erwarten Sie von den Prüfungen, die jetzt laufen?

Ich wünsche mir, dass alles bald aufgeklärt ist. Ich möchte wissen, ob mein Kind noch leben würde, wenn man mich früher aufgenommen hätte. Erst wenn ich das weiß, kann ich mit der Verarbeitung beginnen. Die ständigen Medienberichte überfordern mich und ich möchte mich jetzt wirklich zurückziehen.

„Sie war 2007 als Risikoschwangere im AKH“

Die Aussagen von Sandra W., dass sie 2007 als Risikoschwangerschaft galt, wird von den Krankenhäusern Göttlicher Heiland und AKH Wien, wo sie damals zur Geburt angemeldet war bzw. entbunden hat, bestätigt. Vollständig berücksichtigt wurde diese Vorgeschichte bei der aktuellen Aufnahme im AKH aber nicht.

Sandra W. war im Jahr 2007 bei uns zur Geburt angemeldet“, heißt es aus dem Göttlichen Heiland. Eine Ultraschallkontrolle in der 36. Schwangerschaftswoche „ergab einen Befund des Kindes, der uns veranlasst hat, die Patientin zur weiteren Abklärung ins AKH zu überweisen“.

Das AKH Wien bestätigte, dass man Sandra W. 2007 aufgenommen und sie ihr Kind dort zur Welt gebracht hat. „Sie wurde als Risikoschwangerschaft geführt“, sagte AKH-Pressesprecherin Karin Fehringer. Als Sandra W. am 12. Jänner mit Blutungen ins AKH kam, wurde diese Vorgeschichte offenbar nicht vollständig berücksichtigt. Fehringer: „Der behandelnden Ärztin wurde von der Patientin mitgeteilt, dass sie bereits einmal mittels Kaiserschnitt entbunden hat. Ihr war nicht bekannt, dass die Entbindung im AKH stattgefunden hat und damals eine Risikoschwangerschaft war.“

Ob das Wissen um die vollständige Vorgeschichte etwas an der Einstufung von Sandra W. als Risiko- oder Nicht-Risikopatientin geändert hätte, glaubt Fehringer nicht: „Damals ist die Ursache beim Kind gelegen. Im aktuellen Fall lag die Ursache bei der Mutter.“ Untersucht wurde Sandra W. am 12. Jänner im AKH nicht.

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( Kurier ) Erstellt am 28.01.2012