Chronik | Wien
13.04.2014

Wo Städter ihre Wurzeln finden

Die Zahl der Lebensmittelgemeinschaften steigt. Der KURIER war Gast im "Klappertopf".

Lena (30) aus Wien hat im Supermarkt Bio-Erdäpfel gekauft. "Super, alles richtig gemacht", hat sie auf dem Nachhauseweg gedacht. Dass die Erdäpfel zwar bio, aber aus Ägypten sind, hat sie erst zu Hause bemerkt. "Und das war einer der Punkte, an denen ich mir gedacht habe: So will ich das nicht mehr", erzählt Lena.

Mittlerweile ist Lena Mitglied in einer sogenannten Food-Coop, einer Lebensmittelkooperative. Dazu schließen sich die Bewohner eines Grätzels zusammen. Sie gründen einen Verein oder bilden eine lose Gemeinschaft und beziehen ihre Lebensmittel direkt beim Bauern ihres Vertrauens. Der Supermarkt wird umgangen. Lena ist so wie Johanna und Jakob – alle wohnen im dritten Bezirk – Mitglied der Food-Coop "Klappertopf". Jeden Dienstag um 19 Uhr treffen sie einander im Rabenhof. Dort hat der "Klappertopf" sein kleines Warenlager.

Lauch und Rüben

Gleich nach dem Eingang stehen Kisten mit Lauch, Karotten und Roten Rüben, daneben eine voller Erdäpfel. Im Regal sind Säcke mit Getreide. An der Wand wurden Tee und Speiseöle aufgestellt. Auch die Waage steht dort. Im Kühlschrank wird die Milch (in Glasflaschen) gekühlt. Sogar einen Nusskuchen gibt es an diesem Dienstag. "Den hat die Familie Schramm mitgeschickt, weil wir zum ersten Mal bei ihnen bestellt haben", erzählt Johanna (28). Das Warenlager der Food-Coop wird regelmäßig von Bauern aus den umliegenden Bundesländern beliefert. "Wenn der Fenchel aus Frankreich oder die Kartoffeln aus Holland kommen, dann ist es für mich kein echtes bio mehr", sagt Johanna. Deshalb ist sie jetzt beim " Klappertopf".

Gemeinsam mit Lena packt sie ihre Einkaufstasche: 1,5 Kilogramm Karotten, ein Kilo Bohnen und ein Kilo Zwiebeln vom Bauern Helmut aus dem Waldviertel. Ein halbes Kilo Lauch, Rote Rüben und Topinambur vom Biohof Mogg in Herzogenburg. Das Öl und das Getreide ist vom Biobauernhof von Familie Schramm in Großengersdorf im Weinviertel, das Bier ist vom Kobersdorfer Schlossbräu im Burgenland. Welche Produkte bei welchen Bauern bezogen werden, beschließen die Mitglieder der Food-Coop selbst. Geliefert wird, was die Saison hergibt. "So haben wir auch Wurzelgemüse schätzen gelernt", sagt Jakob (31).

Arbeitsteilung

"Die Food-Coop bedingt eine "Win-win-Situation", sagt Jakob. "Wir wissen, woher unser Essen kommt, und die Bauern und Bäuerinnen verkaufen direkt an uns." Zum Supermarkt geht Jakob nur noch selten. Gegründet wurde die Food-Coop vor gut einem Jahr. Mittlerweile zählt der " Klappertopf" 60 Mitglieder. In Arbeitsgruppen organisieren sie basisdemokratisch den reibungslosen Ablauf der Food-Coop. Die "Produzentinnen-AG" hält den Kontakt zu den Produzenten, die "Lager-Ablauf AG" macht die Inventur im Lager, die "IT-AG" stellt die interne Software zur Bestellung der Waren bereit.
Wöchentlich werden über diese Software die Produkte bestellt, jeden Dienstagabend erfolgt die Ausgabe im Lager im Rabenhof.
Was das bringt, so eine Food-Coop? "Wir haben jetzt viel weniger Müll", sagt Johanna. Das ist das eine. "Und wenn wir jetzt durch unser Grätzel hier im dritten Bezirk gehen, dann kennen wir viel öfter die Leute, die wir auf der Straße treffen." Das ist das andere.

Was ist eine Food-Coop?
Mitglieder einer Food-Coop bestellen Bio-Produkte direkt beim Bauern, Imker etc. und vermeiden so den Einkauf im Supermarkt. Historischer Vorläufer sind die Konsumgenossenschaften des 19. Jahrhunderts.

Food-Coops in Wien
Möhrengasse (1020)
Klappertopf (1030)
Pumpkin (1060)
NUSS Coop (1070)
Fresskorb (1140)
D'Speis (1150)
Allmunde (1150)
Vegan food coop (1150)
1korn (1160)
Bioparadeis (1180)
Naschkastl 2.0 (1200)

Neu-Gründungen
In vielen Food-Coops herrscht Aufnahmestopp, an Neugründungen mangelt es aber nicht: 1040, 1100, 1120, 1130 (Biohamster), 1170, 1180 (BOKU-FoodCoop).

www.foodcoops.at

Bei den Menschen findet langsam ein Umdenken statt

Richard Mogg (28) betreibt gemeinsam mit seinem Vater Franz den Biohof Mogg in Herzogenburg in NÖ. Was mit dem "Bio-Kistl“" begann, nennt sich heute "solidarische Landwirtschaft". Der KURIER hat den Biobauern um eine Einschätzung des Trends zu ökologischen und regionalen Produkten gebeten.

KURIER: Herr Mogg, immer mehr Menschen machen sich Gedanken über ihr Essen. Vegan leben ist in, es gibt einen Trend nach regional und ökologisch vertriebenem Gemüse. Woran, glauben Sie, liegt das?
Richard Mogg: In den letzten Jahren ist im Lebensmittelbereich viel schiefgelaufen. Es gab Lebensmittelskandale, Stichwort Gammelfleisch, undeklariertes Pferdefleisch, Fäkalkeime in Sojasprossen. Diese Geschichten haben in der Bevölkerung den Wunsch nach Nachvollziehbarkeit geweckt. Bei den Menschen findet langsam ein Umdenken statt. Sie wollen jetzt wissen: Wer ist der Mensch, der mein Essen macht?

Sie haben lange Zeit das „Bio-Kistl“ vertrieben. Warum machen Sie das heute nicht mehr?
Die Hauszustellung war als Weg gedacht, unsere Bio-Produkte zu vertreiben.Aber da unterliegt man dem ganz normalen Marktdruck, die Wünsche der Kunden zu bedienen. Irgendwann mussten wir Bananen aus Ecuador zukaufen, weil die Kunden Bananen in ihrem Kistl wollten. Die sind zwar dann bio-zertifiziert, aber ökologisch ist das nicht. Die Handelsware ist immer mehr geworden und für die Landwirtschaft hatten wir immer weniger Zeit.

Jetzt vertreiben Sie das, was die Saison hergibt. Sie beliefern Food-Coops und verkaufen Anteile Ihrer Landwirtschaft.
Genau, dafür bekommen die Kunden regelmäßig die Produkte, die geerntet werden. Die Natur gibt uns ohnehin das, was wir brauchen. Wenn wir uns darauf zurückbesinnen, dann funktioniert das. Und wir auf dem Biohof können uns jetzt wieder voll auf die Landwirtschaft konzentrieren.