Veterinärmediziner Harald Wenzel überprüft Hufe, Puls und Atemvolumen der Fiakerpferde.

© KURIER/Gilbert Novy

Fiaker
07/11/2015

Täglicher Medizin-Check ab 30 Grad

Obwohl die Pferde hohe Temperaturen gut aushalten, kontrollieren Veterinäre der Stadt bei Hitze täglich.

von Bernhard Ichner

Kaum ist die erste Hitzewelle überstanden, naht schon die nächste. Wiens Tierschutz-Stadträtin Ulli Sima (SP) appelliert daher an Fiaker-Unternehmer, ihren Pferden an heißen Tagen hitzefrei zu geben (der KURIER berichtete). Derzeit bereitet die Stadt die rechtlichen Grundlagen für gesetzliche Maßnahmen auf. Für Fiaker-Sprecherin Martina Michlfeit-Stockinger eine unnötige Schikane. "Es gibt keine veterinärmedizinische Notwendigkeit, die Tiere wegen Hitze von der Straße zu nehmen", sagt sie. Ihrer Meinung nach wird hier bloß "politisches Kleingeld auf den Köpfen kleiner Unternehmer" gemacht.

Unabhängig von der politischen Diskussion kontrollieren in Wien Tierärzte der MA60 regelmäßig die Fiaker. Bei "exponierten Temperaturen" – also über 30 und unter 10 Grad – täglich. Und bei akuten Anlässen sogar spontan (unter 4000/8060 können erschöpfte Tiere unter Angabe des Standplatzes und der Nummerntafel der Kutsche gemeldet werden). Der KURIER begleitete Veterinär Harald Wenzl auf einer seiner Patrouillen. Zur Mittagszeit inspiziert er den Fiaker-Stand neben dem Stephansdom. In Reih und Glied stehen die Gespanne im Schatten, Kutscher warten auf Kunden, Helfer geben den rastenden Pferden Wasser.

Stichproben-artig untersucht Wenzl einzelne Pferde-Paare. Ausweisen muss er sich dafür nicht mehr – die Fiakerfahrer kennen ihre Kontrolleure mittlerweile.

Ruhiger Puls

Zuerst werden die Tiere überprüft – von den Hufen über Puls und Atemvolumen, bis hin zum Sitz des Geschirrs. Vom Gehabe bis zur Gangart. Ein paar Pferde halten den Kopf gesenkt und die Hufe angezogen. Was Laien oft für Anzeichen von Ermattung halten. Doch Wenzl beruhigt: "Das sind Entspannungshaltungen. Diese Pferde sind kurz davor, einzudösen."

Danach nimmt der Amtsveterinär die Papiere der Fiakerfahrer unter die Lupe. In den Fahrtenbüchern sind Einsatz- und Fütterungszeiten nachzulesen. Meistens jedenfalls. Beim KURIER-Lokalaugenschein muss Wenzl bloß einen Kutscher auffordern, die letzte Fütterung korrekt einzutragen.

Andere Auffälligkeiten kann der Tierarzt an diesem Tag keine feststellen. Bedarf, ein Tier aus dem Verkehr zu ziehen, gibt es schon gar keinen. "Das ist aber auch nur selten der Fall", sagt er.

Fiakerfahrer Herbert Bachl lässt die Kontrolle routiniert über sich und seine Pferde ergehen. Wäre eines davon geschwächt, "würde ich nicht ausfahren", versichert er. "Einerseits gibt es hohe Strafen und andererseits wär’ das Tierquälerei."

Neue Studie

"Wir können genau beurteilen, welche Pferde wir einsetzen können", sagt dazu Michlfeit-Stockinger, "und wir haben kein Interesse daran, dass uns eines umkippt." Das Pensum, das die Wiener Fiakerpferde leisten – "an guten Tagen 20 Kilometer" – sei "eine lächerliche Arbeitsbelastung im Vergleich dazu, was sie leisten könnten". Die Pferde nicht zu bewegen, schade ihnen erst recht. Zudem seien von den 400 Wiener Fiakerpferden pro Tag nur 116 im Einsatz.

Die Hitze, ist man in der Branche überzeugt, mache den Tieren nichts aus. Michlfeit-Stockinger verweist auf eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität, die 2009 im Auftrag der Wiener Tierschutz-Ombudsstelle erstellt wurde – und genau das ergab. Dennoch käme jeden Sommer erneut dieselbe Diskussion aufs Tapet.

Veterinär Wenzl kennt die Argumente alle. "Natürlich", sagt er, "ist die Temperaturverträglichkeit bei Pferden aufgrund ihrer Anatomie hoch. Diese Tiere sind sehr anpassungsfähig. In Einzelfällen sind aber sehr wohl Belastungen möglich."

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