Chronik | Wien
17.01.2012

Expertenstreit um Missbrauchsprozess

Der Missbrauch in Kinderheimen gilt in vielen Fällen als verjährt. Ein Anwalt strebt dennoch einen Prozess an.

Ist es sinnvoll, Verbrechen, die vor rund 40 Jahren geschehen sind, heute noch vor Gericht zu bringen? Im Falle der beiden Schwestern, die von Serienvergewaltigungen im ehemaligen Kinderheim der Stadt Wien im Schloss Wilhelminenberg berichteten, gibt es diesbezüglich divergierende Ansichten.

Udo Jesionek, der ehemalige Präsident des Jugendgerichtshofs und Präsident der Opferschutzorganisation Weisser Ring , ist skeptisch. Opferanwalt Johannes Öhlböck hingegen ist zuversichtlich, einen Prozess gegen die Stadt Wien zu gewinnen.

„Beide Frauen haben 35.000 Euro Entschädigung bekommen plus 6200 Euro für Therapie. Das ist ja nicht wenig“, meint Jesionek. „Ich glaube nicht, dass bei der derzeitigen Judikatur mehr herauskommen wird.“ Der Weisse Ring, der für die Stadt Wien die Opfer von psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt in Kinderheimen betreut, habe die Entschädigungszahlung an die gängige Rechtssprechung gekoppelt. Die Entschädigungen belaufen sich auf 5000 bis 25.000 Euro. In Extremfällen auch mehr.

„Die Judikatur ist in diesen Fällen nicht klar“, meint hingegen Rechtsanwalt Öhlböck. Er will die beiden Frauen kostenlos vor Gericht vertreten; für die Gerichtskosten sammelt er via Homepage (www.spenden-helfen.com) monetäre Unterstützung. „Das, was diesen Frauen passiert ist, wurde noch nie ausjudiziert“, sagt Öhlböck und spricht unter anderem die erwähnten Serienvergewaltigungen durch verschiedene Männer an.

Jurist Jesionek glaubt nicht an einen Erfolg eines solchen Prozesses. „Das Prozessrisiko: die Frage der Beweise.“ Die würden nach 40 Jahren kaum noch auftauchen. In den Opfern würden falsche Hoffnungen geweckt.

„Es gibt Beweise“, widerspricht Öhlböck. „Wir haben Heimakten, weitere Opfer, die das Gleiche berichten, die Anerkennung der Opfer durch die Stadt Wien.“ Außerdem werde es Sachverständige geben, „die belegen werden, dass die Frauen vergewaltigt wurden“.

Öhlböck will weiter Geld sammeln, bis für die Prozesskosten genügend zusammengekommen ist. „Dann starten wir.“

Durchfechten

In einem sind sich die beiden jedenfalls einig. Jesionek: „Eigentlich wäre ich interessiert, dass der Prozess durchgefochten wird.“ Öhlböck: „Das begrüße ich, dass Herr Hofrat Jesionek der gleichen Meinung ist wie ich, den Prozess durchzufechten.“ Freilich glauben beide an einen anderen Ausgang.

Öhlböck forderte bereits im Herbst 100.000 Euro Entschädigung für jede der beiden Schwestern.