Chronik | Wien
20.01.2018

Ex-Junkie als Stadtführer durch Wien

Florian lebte zwei Winter lang auf der Straße. Im Rahmen der Tour „Wien – mein giftiger Gürtel“ schildert er seine Stationen und… © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Der 33-jährige Florian hat harte Zeiten hinter sich. Jetzt zeigt er Interessierten "seine" Stadt.

Wien – Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Für Süchtige. "Du kriegst hier alles", sagt Florian. "Zu jeder Zeit." Florian weiß das aus eigener Erfahrung. Der 33-Jährige ist ein Ex-Junkie.

Seit seinem 15. Lebensjahr hat er mit "verschiedenen Dingen zu tun gehabt, die mich ruhiger stimmen." Heroin, Morphium, Partydrogen. Florian hat alles ausprobiert. "Ich hatte als Kind ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Anm.). Also habe ich die Therapie selbst in die Hand genommen." Er spricht offen über seine Geschichte. Eine Menschentraube hört ihm aufmerksam zu. Florian macht Stadtführungen. "Wien – mein giftiger Gürtel" heißt seine Tour.

Wir treffen Florian an der U4-Station Margaretengürtel. "Wenn du Drogen brauchst, bekommst du sie bei der Josefstädter Straße, am Praterstern oder eben hier", sagt er. Die Stadt Wien hat reagiert. Die Toiletteanlagen der U-Bahn sind schon lange "wegen Renovierung geschlossen". Stattdessen wurde eine neue Anlage in einem nahe gelegenen Park eröffnet. Aus Nirosta ohne Ablageflächen. Mit vergitterten Böden. "Fällt dir dein Zeug runter, ist es weg", weiß Florian. "Konsum-sichere WC-Anlagen" nennt er das. Und er erzählt auch vom Blaulicht, das eine Fastfood-Kette in den Sanitärräumen nutzt. "Weil du damit deine Venen nicht findest."

42 Kilo

75 Euro brauchte Florian täglich für sein Gift. "Ich habe alles verkauft, was ich hatte." Als nichts mehr da war, fing er an zu stehlen. Er wurde erwischt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. "Wenn’s mich nicht eingesperrt hätten, würd ich jetzt nicht da stehen. Ich hab’ damals nur noch 42 Kilo gehabt", erzählt er. In Haft macht er einen Entzug, eine Lehre und den Staplerschein. "Ihr redet’s mit einem Ex-Haflinger (Ex-Häftling, Anm.). Fragt’s mich ruhig", motiviert Florian seine Zuhörer. "Kommt man im Gefängnis zu Drogen?", will eine Frau wissen. Florians Antwort ist kurz: "Ja."

Dennoch schaffte er es, sich davon fernzuhalten. "Aber in Freiheit nüchtern zu bleiben, das ist was anderes." Immer wieder wurde er rückfällig.

Seine Kindheit und Jugend waren "gut", sagt er. Aufgewachsen ist er in einem Haus mit Pool, er hatte zwei Autos. "Doch dann hatte ich einen Unfall, bei dem ich fast gelähmt worden wäre, und einen familiären Verlust." Plötzlich fehlte die Kraft, um den Alltag zu bewältigen. Telefonate ignorierte er, die Post ebenso. Florian landete auf der Straße.

"Zwei Winter habe ich im Freien verbracht", erzählt er. Tagsüber schlief er in sozialen Einrichtungen, nachts war er auf den Beinen. "Schläfst du nachts auf der Straße, ist dein Rucksack weg." Er hielt sich auf den Beinen. Bis 4 Uhr Früh. Denn dann sperrt der Westbahnhof auf – speziell im Winter ein gefragter Platz. "Es kann sehr kalt werden. Wenn du um 4 Uhr herkommst, warten die Obdachlosen schon bei allen Eingängen."

Anker

Sein Anker, sagt er, war das Jedmayer – eine Einrichtung für Drogensüchtige in der Gumpendorfer Straße. Hier bekam er etwas zu essen, Kaffee und eine Postadresse. Spritzen werden getauscht, ärztliche Betreuung gibt’s ebenfalls.

Auch heute ist Florian noch regelmäßig hier. Er ist im Substitutionsprogramm, bekommt seine Ersatz-Drogen auf Rezept. "Was ich einnehme, legt einen Elefanten schlafen", sagt Florian. Er hat eine eigene, kleine Wohnung und sehnt sich nach Normalität. Die Stadtführungen sind ein Schritt in diese Richtung.

Insgesamt acht Touren Obdachloser oder ehemaliger Obdachloser bietet die Organisation Supertramps in Wien an. Ziel ist es, den Teilnehmern den Alltag von Obdachlosen näherzubringen. Jede Tour (rund 90 Minuten) hat einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Angeboten werden zum Beispiel „Wien – meine wilden 80er“ oder „Wien – unser eiskalter Überlebenskampf“.
Anmeldungen sind direkt auf der Homepage möglich. Kosten: Freiwillige Spende, Richtwert 15 Euro pro Person (ermäßigt 8 Euro.)
Internet: www.supertramps.at