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Rechnungshof
08/20/2013

Ernüchternde Diagnose für das AKH

Prüfer decken überhöhte Behandlungskosten und chaotische Führungsstruktur auf.

von Josef Gebhard

Österreichs größtes Spital, das Wiener AKH, krankt an allen Ecken und Enden: Die Finanzierung ist intransparent, die Führung zersplittert, die Kosten exorbitant hoch.

Worauf Experten seit Jahren hinweisen, bestätigt jetzt der Rechnungshof. In einem aktuellen Bericht zerpflückt er auf mehr als 200 Seiten die Organisation des Riesen-Spitals am Wiener Gürtel. Der KURIER veröffentlichte bereits im Mai Details daraus.

Der Bericht zeichnet ein düsteres Bild des Krankenhauses. Die Kosten für stationäre Leistungen liegen dort beachtliche 30 bis 60 Prozent über jenen von vergleichbaren Spitälern – etwa den Unikliniken in Graz oder Innsbruck, bemängeln die Prüfer. Und warnen davor, dass in Zukunft weniger Mittel zur Verfügung stehen werden (siehe Faksimile).

Gleichzeitig ist das Spital mangelhaft ausgelastet: Zwischen den Jahren 2005 und 2011 standen 250 bis 330 der genehmigten Betten nicht zur Verfügung. Das ist ein viel höherer Anteil als in den anderen Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV). Mitschuld daran sind vor allem fehlende Pflegedienstposten und Fehlzeiten. Die Folgekosten der Leerstände sind enorm: Auf 126,27 bis 319,26 Millionen Euro beziffern sie die Prüfer für den Beobachtungszeitraum.

Krankenstände

Apropos Fehlzeiten: Das AKH hatte – wie der KAV insgesamt – mit durchschnittlich rund 25 Tagen erheblich mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten als der Gesundheits- und Sozialbereich im Österreich-Schnitt (rund 14 Tage). „Maßnahmen des Fehlzeiten-Managements waren vorgesehen, wurden jedoch nicht vollständig umgesetzt“, kritisieren die Prüfer. Doch offenbar nicht alle Betroffenen sind auch tatsächlich krank: Der Rechnungshof deckte auf, dass etwa eine AKH-Verwaltungsbedienstete 2009–2011 im Dauerkrankenstand war, aber trotzdem in diesem Zeitraum eine Nebenbeschäftigung ausgeübt hat. „Obwohl die Personalabteilung darüber bereits im Jahr 2009 informiert war, setzte sie keine Maßnahmen.“

Für ein Großspital mit Weltruf ist auch die technische Ausstattung kein Ruhmesblatt. Rund 62 Prozent der medizintechnischen Geräte sind zwölf Jahre alt oder sogar älter, zeigt der Bericht.

Kompetenz-Wirrwarr

Für die Prüfer ist das Hauptübel hinter all diesen Missständen klar: Das AKH ist städtisches Spital und Uniklinik in einem. Für die Ärzte ist der Bund zuständig, für das Pflegepersonal die Stadt Wien. Beide Herren des Spitals vertreten unterschiedliche Interessen. Eine Lösung steht aus: „Trotz über mehr als 25 Jahre andauernder Bemühungen gelang keine gemeinsame Betriebsführung“, sagen die Prüfer. Somit gebe es keinen gemeinsam definierten Leistungsauftrag bzw. Personalplanung oder eine abgestimmte Gesamtfinanzierung.

Für die Wiener Opposition ist der Bericht einmal mehr Anlass, klare Strukturen im AKH zu fordern. „Seit vielen Jahren fordern wir eine Betriebsgesellschaft“, sagt ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec. „Dies ist das einzig vernünftige Modell, um das AKH in eine wirtschaftliche Zukunft führen zu können.“

„Das AKH wird Anfang 2016 neu starten“

Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) zur Kritik des Rechnungshofs.

KURIER: Warum gelingt es seit Jahrzehnten nicht, eine gemeinsame Betriebsführung für das AKH zu schaffen?

Sonja Wehsely: Ich sehe mich in der Kritik des Rechnungshofs bestätigt. Schon 2011 haben wir das Projekt „Universitätsmedizin Wien 2020“ gestartet. Darin geht es um eine gemeinsame Steuerung und Personalplanung von AKH und MedUni.

Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?

Das Projekt soll Ende Juni 2015 abgeschlossen sein. Anfang 2016 kann dann das AKH neu starten. Einige Maßnahmen haben wir schon umgesetzt. So wurde im April die Zahl der genehmigten Betten von rund 2000 auf 1800 reduziert, um die Bettensperren zu verringern.

Wo liegt die künftige Aufgabe des AKH: In der Spitzenforschung oder in der breiten Patientenversorgung?

Die Breite im Patientenaufkommen ist Voraussetzung für Spitzenforschung am AKH, wie man etwa am Krebszentrum sieht. Es ist natürlich klar, dass das mehr kostet als ein normales Spital.

Skandale und Spitzenleistungen

Spitzenleistungen auf der einen und Misswirtschaft auf der anderen Seite ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des AKH. Schon der Bau des bereits in den 50er-Jahren geplanten AKH mündete in einem handfesten Skandal: Waren zu Beginn dafür zehn Jahre und etwa eine Milliarde Schilling angesetzt, dauerte die Errichtung im Endeffekt 37 Jahre und verschlang 43 Milliarden Schilling (3,12 Mrd. Euro). Schlüsselfigur war damals Adolf Winter, Geschäftsführer der Planungs- und Errichtungsgesellschaft. Er wurde 1981 zu acht Jahren Haft verurteilt.

Zuletzt sorgten Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe eines 50 Millionen Euro schweren Reinigungsauftrags für Aufsehen.

Weltweit lieferte das Spital aber auch positive Schlagzeilen: „Die Ärzte am AKH haben mein Leben gerettet“, ist Popstar George Michael überzeugt. Vor einem geplanten Konzert musste der Sänger 2011 mit einer Lungenentzündung in das Spital eingeliefert und dort rund einen Monat behandelt werden. Doch auch heimische Prominente wurden in dem Mega-Spital behandelt. Etwa der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, dem 1993 eine Briefbombe die Hand zerfetzte. Oder Bundespräsident Thomas Klestil, der sich 1996 eine seltene Lungenerkrankung zugezogen hatte. Ex-Rennfahrer Niki Lauda wurden in der Klinik zwei neue Nieren verpflanzt.
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