Ekrem und Tuba Yigit wollen sich ihre eigene Meinung bilden.

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Lokalaugenschein
03/11/2017

Erdoğan mit Cola und Popcorn

Vier heimische Kinos zeigen Film über den Aufstieg des türkischen Präsidenten.

von Michaela Reibenwein

Es ist einer der kleinen Kinosäle im UCI in der Wiener Millennium City. Rund 40 Besucher machen es sich darin mit Cola und Popcorn auf den Sitzplätzen gemütlich, der Saal ist fast halbvoll.

Und trotzdem ist dieser Kinoabend anders. Vor allem Publikum zwischen 20 und 40 Jahren ist hier. Einige Paare, Gruppen von jungen Männern, Gruppen von jungen Frauen. Sie sind getrennt voneinander gekommen. Ein Großteil der Frauen trägt Kopftuch.

In wenigen Minuten wird der Film beginnen. "Reis", zu Deutsch "Anführer" – der Film über den Aufstieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Kritiker nennen das Propaganda. Am 16. April findet das Referendum statt, durch das der Präsident noch mehr Macht erhalten könnte.

Meinung machen

Ibrahim und sein Freund finden den türkischen Präsidenten "gut", deshalb sind sie gekommen. Auch Tuba Yigit und ihr Mann Ekrem sind hier. "Meine Schwester hat mir davon erzählt. Der Trailer war sehr interessant", sagt sie. Sie würden sich eine eigene Meinung machen wollen.

Dass die Verhältnisse zwischen der Türkei und Österreich momentan nicht die besten sind, ist ihr bewusst. "Ich habe türkische Wurzeln. Aber ich bin Österreicherin. Und ich bin auch keine Doppelstaatsbürgerin", betont Tuba Yigit. Zwar beobachte sie, was in der Türkei passiert, aber "die österreichische Politik interessiert mich mehr." Speziell die Diskussion über das Kopftuchverbot. "Ich habe studiert, will zur Familiengerichtshilfe. Wenn ein Kopftuchverbot kommt, wird das nicht möglich sein."

Der Film beginnt. In türkischer Originalversion mit deutschen Untertiteln – inklusive Rechtschreibfehlern. Etliche Besucher holen ihre Handys aus den Taschen. Erdoğan-Darsteller Reha Beyoglu flimmert über die Leinwand. Das muss fotografiert werden. Und mitgefilmt.

Eineinhalb Stunden – so lange dauert der Weg vom Buben aus dem Istanbuler Hafenviertel zum Oberbürgermeister, der wegen der Rezitation eines islamistisch gedeuteten Gedichts ins Gefängnis muss.

Tausendsassa

Dazwischen sieht man Erdoğan den Tausendsassa. Aufrichtig, mutig, unbestechlich, gläubig, gütig und treffsicher – in einer Szene widersetzt sich der junge Anführer zum Wohle der Gemeinschaft dem Willen des Vaters und schießt das entscheidende Tor beim Fußballspiel zum 10:9. Filmreif mit Fallrückzieher. Garniert mit Slow-Motion-Einstellungen und jeder Menge Pathos. Und auch ein wenig Klamauk.

Als der Schiedsrichter just zu dem Zeitpunkt ein Spiel anpfeift, als zum Gebet gerufen wird, wird er vom Chef des Hafenviertels verprügelt. Das bringt dem Film die ersten Lacher des Abends.

Frauen spielen darin nur eine Nebenrolle. Sie haben nur zwei Auftritte: als fürsorgliche Mutter und heimliche Liebe.

Applaus

Zum Schluss gibt’s Applaus von den Zuschauern. Nach ein paar Selfies aus dem Kinosaal treten sie den Heimweg an.

2102 Besucher hat "Reis" seit seinem Start vor einer Woche in Österreich angezogen. In nur vier Kinos des Landes wird er gespielt. "Das UCI Millennium City ist mit 21 Sälen das größte Kinocenter Österreichs. Deshalb wollen wir auch eine große Programmvielfalt bieten", sagt ein UCI-Sprecher. Beworben wird der Film allerdings sehr zurückhaltend. Plakate zur "Reis" sind im Kinocenter keine zu finden.

Im Grazer UCI allerdings wurde der Film nicht gezeigt. Im Vorfeld hatte es Proteste gegeben.

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