Chronik | Wien 09.12.2011

Einwanderer: "Wien hat mich schon immer gereizt"

In Wien hat jeder Fünfte einen fremden Pass. Der KURIER stellt die Top-Einwanderer-Nationen vor. Heute: Die Deutschen.

Er jobbt in einer Bar im Freihausviertel, joggt regelmäßig am Donaukanal, liebt das Schnitzel beim Figlmüller samt Erdäpfelsalat und steirischem Kernöl und findet das Burgtheater "echt leiwand". O.k., sein "leiwand" klingt noch ziemlich norddeutsch, aber sonst hat sich Bastian Knoth, 28, schon ziemlich gut in Wien eingelebt. Er bestellt Hendl mit Semmel statt Hähnchen und Brötchen, findet selbst das Meidlinger "L" charmant und weiß: "Der Faymann ist Kanzler – und die Schmied unsere Unterrichtsministerin."

Knoth wuchs in München und Hamburg auf und arbeitete in Berlin in einer PR-Agentur, ehe er vor drei Jahren zum Studieren nach Wien zog. "Wien hat mich schon immer gereizt", erzählt er. "Das lag am Charme der alten Kaiserstadt – und an den schönen Bildern bei ,Kommissar Rex‘." Lebensqualität Attraktive Arbeitsplätze, kostenlose Universitäten und (fast) die gleiche Sprache: Immer mehr Deutsche entdecken ihre Liebe zu Wien. Nach den Serben und Türken stellen sie hier die größte Gruppe an Nicht-Österreichern.

Deutschlands Botschafter Hans-Henning Blomeyer-Bartenstein weiß warum: „Deutsche fühlen sich hier dank der eng ineinander verwobenen Kultur und Gesellschaft schnell heimisch. Die hohe Lebensqualität spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Viele Junge kommen, weil sie in Wien ihr Wunschfach ohne Numerus clausus studieren können. Mehr als ein Drittel aller ausländischen Studenten stammt schon aus Deutschland; im Studienjahr 2010/2011 waren es 22.800.

Ernüchterung

Grafik über die Herkunftsländer von Einwanderern in Wien
© Bild: Statistik Austria

Bastian Knoth war kein Numerus-clausus-Flüchtling, darauf legt er Wert. „Ich hätte auch in Deutschland studieren können.“ Aber er wollte nach Wien. Doch seine ersten Eindrücke im Juni 2008 waren ernüchternd. „Damals war Fußball-EM, und man hat die Ressentiments gegenüber den Piefkes stark gespürt.“ Piefke hörte er Wiener oft über sich sagen. „Es nervt mich, dass man immer auf das Deutsch-Sein reduziert wird.“ So gab er sich einmal am Würstelstand als Luxemburger aus – und war überrascht, wie freundlich er plötzlich aufgenommen wurde. „Deutsche, die merken, dass sie nicht erwünscht sind, reagieren aus Trotz oft mit Arroganz.“ Einige seiner Studienkollegen kehrten Wien aus Frust ganz den Rücken.

Grantige Wiener

Auch Bastian Knoth will nach Ende seines Publizistik-Studiums zurück nach Berlin oder Hamburg. „Ich fühle mich in Wien nicht unwohl, aber auch nicht pudelwohl“, sagt er. „Die Wiener sind höflich, aber reserviert. In Norddeutschland ist man offener und dynamischer. Und vor allem nicht so grantig.“

Was ihm in Wien wirklich fehlt: Berliner Currywurst und deutsche Fußball-Bundesliga. Einmal besuchte er das Wiener Derby. „Vom Niveau her ist das eine andere Welt.“ Und so hängt sein Bayern-München-Schal weiterhin wehmütig über dem Spiegel seines Zimmer in Wien-Alsergrund.

Deutsche: Jung und gut gebildet

Statistik 152.000 Deutsche leben in Österreich, sie sind im Durchschnitt jünger und besser gebildet als die heimische Bevölkerung: 49 Prozent verfügen über Matura (Österreicher: 23 Prozent) und 28 Prozent über einen Hochschulabschluss (9 Prozent).

Deutsche Nachbarn
In Wien leben die meisten Deutschen in der Landstraße, gefolgt von der Leopoldstadt, Döbling, Alsergrund und Währing.

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( Kurier ) Erstellt am 09.12.2011