Chronik | Wien
22.09.2017

Wien: Eine Klasse voller Flüchtlingskinder

Ungefähr ein Jahr dauert es, bis "außerordentliche" Schüler gut Deutsch sprechen und verstehen.

"Was bedeutet das Wort sozial?", fragt die Lehrerin. Die Hände der Schüler schießen in die Höhe, alle wollen sofort antworten. "Nicht lügen und respektvoll sein", antwortet Mustafa in schönem Deutsch. Im Schuljahr 2015/16 starteten die so genannten "Neu-in-Wien-Klassen". "Mit der Flüchtlingswelle, die uns damals erreichte, war es notwendig, solche Einheiten zu schaffen", sagt Patrick Wolf, Pflichtschulinspektor im Wiener Stadtschulrat. Gemeint sind Bündelungen von Flüchtlingskindern, die in unserem System einen außerordentlichen Status tragen. Sie müssen nicht benotet werden.

Zu Besuch in der Klasse

Von den ursprünglich 17 Neu-in-Wien-Klassen ist heute nur eine übrig. Die restlichen wurden aufgelöst, weil diese Kinder einerseits die Schulpflicht hier aufgrund ihres Alters absolviert haben, andererseits weil sie mittlerweile auf Regelschulklassen aufgeteilt wurden. Die eine Flüchtlingsklasse, die noch übrig ist, sei besonderes, betont Wolf. Da sich die Klassengemeinschaft und auch die Kooperation mit den anderen Schülern der NMS sehr gut entwickel habe, wäre es mehr zum Nachteil gewesen, sie aufzuteilen.

Ein Besuch dieser NMS, gelegen im siebenten Wiener Gemeindebezirk in der Neubaugasse, bestätigt dies. Erst seit knapp zwei Jahren sind diese Schüler in Österreich, jeder versteht und spricht mittlerweile sehr gut Deutsch. Drei Lehrer unterrichten heute, einer davon auf Arabisch. Die Kinder sind ruhig und wissbegierig .

"Das war ein Entwicklungsprozess", erzählt Judith Zach, die Direktorin der Schule. "Wir bekamen damals 25 Kinder auf einmal, keines konnte Deutsch. Einige mussten erst alphabetisiert werden. Sie waren 13 bis 15 Jahre alt, manche sogar älter und vorwiegend Jungs aus Syrien und Afghanistan. Diese Kinder waren irre laut und dass hier Frauen unterrichten oder gar die Schule leiten, damit konnten sie nicht umgehen." Manche hätten sich total geweigert – sowohl Deutsch zu lernen als auch, sich zu integrieren. "Einige konnten Englisch, diese Kinder haben für die anderen übersetzt. Wir hatten Phasen, wo die Lehrerinnen wirklich an ihrem Limit waren", so Zach. "Es gab Suspendierungen aufgrund von verbalen und auch körperlichen Übergriffen. Heute haben wir eine andere Situation. Unser Engagement und auch die Ressourcen, die wir bekommen haben, haben sich bezahlt gemacht." Der NMS-Abschluss sei für einige dieser Kinder durchaus ein realistisches Ziel. Bald würde man für die entsprechenden Schüler mit der regulären Benotung beginnen.

Ein etwas anderes Bild zeichnet Anna Gattringer. Die Junglehrerin hat drei Jahre an einer NMS in Wien-Floridsdort unterrichtet, eines davon in einer Neu-in Wien-Klasse. Der erste Tag war eine Herausforderung, "aber im positiven Sinn, denn ich habe mich sehr auf diese Aufgabe gefreut." Die meisten Schüler der Klasse hätten zwar die weiße Karte, also die Aufenthaltsberechtigung gehabt, aber das Interview, um zu wissen, ob sie dauerhaft bleiben dürfen, hätten viele zwei Jahre lang nicht bekommen. "Wie soll ein Kind zur Ruhe kommen, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und sich auch auf alles hier einlassen, wenn es nicht einmal weiß, ob es bleiben darf?", fragt Anna. Wenn Kinder nicht an eine sichere Zukunft hier denken können, könnten sie auch nicht beginnen, etwas aufzubauen.

Wie geht es weiter?

Anna betont, dass nicht die Kinder das Problem seien. Einerseits dürfe man deren Vorgeschichte nicht ignorieren, viele seien psychisch sehr belastet. Die unterschiedlichen Kulturen und soziale Umstände kämen hinzu. "Und diese Perspektivenlosigkeit, war vor allem meinen älteren Schülern bewusst. Für die 14- oder 15-Jährigen gab es schlichtweg kein Ziel. Wir wussten nicht, wohin mit diesen Schülern am Ende. Daran bin ich als Lehrerin gescheitert." Nach der Pflichtschule stünden die meisten ohne Abschluss da, es gebe keine weiterführenden Schulen, sie könnten keine Lehre beginnen. Das sei zermürbend. "Die Politik muss endlich etwas machen. Ich musste hautnah miterleben, dass sehr engagierte Kinder ungenutztes Potenzial liegen lassen müssen, das schmerzt mich als Pädagogin sehr."

Darauf angesprochen verweist Wolf vom Stadtschulrat auf die Jugendcolleges und die neue "Ausbildungspflicht" des Sozialministeriums. Die gilt allerdings nicht für Junge mit Asylwerber-Status. Dass Einrichtungen wie die Jugendcolleges ausgebaut werden müssen, darin sind sich alle Beteiligten jedenfalls einig.