Chronik | Wien
20.04.2017

Ein Zahlenfreak, der vom Zocken lebt

Sportwetten: Junger Wiener behauptet, 15.000 Euro pro Monat zu gewinnen. Bei Auszahlung kassierte er Prügel.

66.000 Euro sind ein schöner Gewinn. Aber der "Wettkönig" kassierte Prügel statt der Geldscheine. Er wurde (laut Anklage) festgehalten, gewürgt und genötigt, auf Tonband zu sprechen, dass er falsch gespielt habe. In einem unbeobachteten Augenblick konnte er auf sich aufmerksam machen, die Polizei stürmte das Wettlokal in Wien-Meidling und befreite das Opfer.

Am Mittwoch sollte den Betreibern des Wettlokals der Prozess gemacht werden. Zwei Beschuldigte blieben mit der "nicht tauglichen Entschuldigung" (Richter) fern, sich just an dem Tag um ihre Wettkonzessionen kümmern zu müssen. Die Verhandlung musste auf Mai vertagt werden.

Der 23-jährige Gabriel N., der sich am 9. Dezember 2016 seinen Gewinn hatte auszahlen lassen wollen, erlitt damals eine Schädelprellung sowie Verletzungen an den Armen. Vom Wetten ließ er sich dadurch nicht abhalten. Zu groß sei die Lust, die Gewinnmöglichkeiten auszuschöpfen, sagt er. Und zu einträglich das Spiel.

Neun Stunden täglich

Gabriel N. will im Schnitt monatlich 15.000 Euro mit Fußballwetten verdienen. Seit rund drei Jahren verbringt der 23-Jährige fast täglich bis zu neun Stunden in diversen Wettlokalen, wie er dem KURIER schildert.

Als er mit 20 Jahren seinen Vater um ein paar tausend Euro anschnorrte und auf Nachfrage erklärte, wofür er das Geld braucht, erntete er zunächst skeptisches Kopfschütteln und gute Ratschläge. Doch nach den ersten Gewinnen "von vierstelligen Beträgen" legten sich die Zweifel. Immerhin hatte der Sohn mit einem "Sehr gut" in Mathematik maturiert, seine Wahrscheinlichkeits-Berechnungen schienen Hand und Fuß zu haben.

"Und Zahlen haben mir immer schon Spaß gemacht", sagt der Wiener. Gabriel N. studierte ein Jahr in England Wirtschaft, kehrte dann nach Wien zurück und sattelte auf Politikwissenschaft um. "Aber ich konzentriere mich mehr aufs Wetten." Offenbar zahlt sich das für ihn aus: "Ich bin nicht jeden Tag im Plus", erzählt er: "Ich habe auch schon in einer Woche 50.000 Euro verloren." Ein Anlass aufzuhören sei das aber nicht gewesen: "Ich weiß, wie das System funktioniert."

Dabei lässt sich der 23-Jährige nicht in die Karten schauen. Nur so viel: "Der Markt hat immer recht." Was bedeutet: Wenn sehr viele Spieler auf den Gewinn einer bestimmten Mannschaft setzen, können sie nicht ganz falsch liegen. Dazu kommt eine mathematische Formel, der Gabriel N. folgt. Für süchtig hält er sich nicht. Er könne jederzeit aufhören, doch er wolle nicht. Das freilich sagen fast alle Spielsüchtigen.

Mit der Auszahlung seiner Gewinne gibt es immer wieder Probleme. Dann schickt Gabriel N. den Anwalt Thomas Fried vor, der das Geld mit Aufforderungsschreiben oder Mahnklagen eintreibt. Wenn die Einsatzlimits nicht überschritten wurden oder die Quoten durch Fehler der Wettbüro-Mitarbeiter bei der Eingabe nicht ganz offensichtlich falsch sind, sprechen die Gerichte die Gewinne zu, sagt Fried. Auch die 66.000 Euro Gewinn, die Gabriel N. Prügel eingebracht haben, wurden vom Wettanbieter inzwischen ausbezahlt. Ursprünglich wurde er verdächtigt, als Mitglied einer Wettmafiabande auf geschobene Spiele gesetzt zu haben. Man hielt ihn hin, lockte ihn dann unter einem Vorwand ins Büro der Wettlokal-Betreiber, bedrohte ihn dort seinen Angaben nach.

Anwalt Marcus Januschke vertritt N. beim Strafprozess gegen die mutmaßlichen Schläger und fordert Schmerzensgeld. Die Angeklagten dürften sich keiner Schuld bewusst sein, ein Verteidiger sprach davon, die Verletzungen seien bei einem "Freizeitunfall" passiert.

Hilfsangebot

Nach dem Verbot des Kleinen Glücksspiels in Wien und anderen Bundesländern boomen die Sportwetten. Die Spielsuchthilfe ortet eine Abnahme des zufälligen (quasi unbewussten) Beginns des Spielens mangels Gelegenheit in Gasthäusern, Tankstellen oder kleinen Spiellokalen, in denen keine Spielautomaten mehr als Verlockung aufgestellt sind. Dafür entstanden alternativ vermehrt Wettlokale, in denen auf Sportereignisse gesetzt wird.
2015 verzeichnete die Spielsuchthilfe in Wien erstmals wieder einen Rückgang an neuen Klienten (643 gegenüber 813 im Jahr 2014), was mit dem Automatenverbot zusammenhängen könnte. Seit 2016 steigen die Zahlen wieder. Die Leiterin der Spielsuchthilfe, Izabel Horodecki, führt das darauf zurück, dass sich ein Teil der Betroffenen durch das Automatenverbot 2015 eine Lösung ihres Spielproblems erhoffte. Diese Hoffnung dürfte aber nicht dauerhaft erfüllt worden sein.
Das durchschnittliche Einstiegsalter für die Spielsucht ist bei Männern 21 Jahre, fast 70 Prozent machen am Anfang Gewinne. 83 Prozent aller Betroffenen, die bei der Spielsuchthilfe Unterstützung suchen, sind hoch verschuldet, bei 57 Prozent ist die Partnerschaft in die Brüche gegangen, 24 Prozent haben durch die Spielsucht den Job verloren.