Chronik | Wien
02.01.2018

Ein Busfahrer im Irrgarten der Gutachter

Buslenker der Wiener Linien bekommt von Sachverständigen kalt/warm.

Nicht einmal bei seinem Gewicht waren sich die vielen Sachverständigen einig. Das schwankt je nach Gutachten zwischen 70 und 100 Kilo.

Günter Prosznak, Familienvater aus Gross-Enzersdorf, NÖ, leidet an Psoriasis Arthritis. Das ist eine Schuppenflechte am ganzen Körper, die auf die Gelenke übergreift und diese zerstört. Bis 2015 war der 50-Jährige Buslenker in Wien. Inklusive Nightline fuhr er im Schichtdienst auf 25 Linien, bis die Krankenstände immer häufiger wurden.

Die Wiener Linien wollen das Dienstverhältnis mit Prosznak, der vom Bundessozialamt als 60 Prozent behindert eingestuft worden ist, auflösen.

Eine Berufsunfähigkeitspension lehnt die Versicherung jedoch ab, weshalb Prosznak mit Hilfe seines Wiener Rechtsanwalts Robert Palka Klage eingebracht hat. Damit war die Gutachter-Hochschaubahn eröffnet.

Nicht gefährdungsfrei

Laut einem Orthopäden und einem Arbeitsmediziner ist die weitere Beschäftigung von Günter Prosznak als Buslenker aufgrund der Einschränkungen des Bewegungs- und Stützapparats nicht mehr zumutbar bzw. ausgeschlossen. Nicht nur wegen der ständigen Schmerzen, die der 50-Jährige hat, sondern weil „der gefährdungsfreie Transport der Fahrgäste nicht gewährleistet ist“.

Überhaupt ist es Prosznak nach diesem Gutachten nicht möglich, auch nur irgendeine „am Arbeitsmarkt verwertbare Arbeitsleistung zu erbringen“.

Laut dem für das Verfahren vor dem Arbeits- und Sozialgericht beauftragten berufskundlichen Sachverständigen kann Prosznak hingegen nicht nur „sonstige am Arbeitsmarkt verwertbare Tätigkeiten ausüben“, sondern ist ihm auch die „Aufgabenstellung als Buslenker im Linienverkehr weiterhin zumutbar“. Diese könne er ja ohnehin „ohne Höhenexposition“ im Sitzen erledigen.

Dazwischen gibt es ein ganzes Schippel Gutachten, die Günter Prosznak ein „sehr komplexes Krankheitsgeschehen“ und eine „erhebliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit“ attestieren,
- „längere sitzende sowie stehende Tätigkeiten und Vibrationsbelastungen“ nicht ausschließen,
- eine sitzende Tätigkeit nicht einschränken, „sofern bezüglich Vibrationsbelastung der Grad der Belastung berücksichtigt wird“,
- „alle leichten Arbeiten zu den üblichen Zeiten mit den üblichen Pausen“ für zumutbar erklären,
- bei Prosznak ein „unauffälliges, raumgewinnendes Bewegungsmuster“ erkannt haben wollen,
- eine Gehstrecke von 500 Metern in einer Zeit von 20 Minuten bewältigbar befinden.

Und wer irrt sich da jetzt?

Alles außer Callboy

Ein Gutachten aber kann man nicht unter „ferner liefen“ abhandeln. Es ist an Zynismus kaum zu überbieten. Prosznak beklagte dem Sachverständigen gegenüber, dass die Krankheit auch auf seine Manneskraft und damit auf seine Psyche negativ eingewirkt hat. Der Psychiater und Neurologe Manfred Breunhölder schreibt, dass durch die „behauptete Impotenz“ bezüglich Arbeitsfähigkeit bloß „gewerbsmäßige Tätigkeiten, die eine intakte Sexualfunktion voraussetzen und welche ich im Rahmen eines medizinischen Gutachtens nicht eigens aufzählen möchte“, auszuschließen seien.

Prosznak kann ohne schwere Schmerzmedikamente nicht mehr leben. „Ich muss ständig die Position verändern“, erzählt er dem KURIER und erinnert sich an einen Gutachter, der zu ihm sagte: „Für Schmerzen gibt es kein Messgerät.“

Als er, der mit seinen angeschwollenen Füßen nur noch in Schlapfen passt, sich für den Besuch bei einem Sachverständigen in Schuhe quälte, schrieb dieser prompt im Gutachten: „Tragen von orthopädischen Schuhen nicht notwendig.“

Und als er für einen anderen Arzt mitgebrachte Röntgenbilder aus dem Kuvert nesselte, wurde ihm attestiert: „Fingerfertigkeit ist erhalten.“

„Vielleicht hätte ich mehr auf hilfsbedürftig machen sollen“, sagt Prosznak.