Chronik | Wien
26.08.2016

Echte Wiener heizen mit Marihuana

Jedes Jahr stellt die Polizei Unmengen von Drogen sicher. Sie wieder loszuwerden, ist gar nicht so einfach.

Laut dem kürzlich vorgestellten Suchtmittelbericht des Bundeskriminalamts brachte das Jahr 2015 einen Anzeigen-Rekord. Das bedeutet zwar nicht zwangsläufig, dass die Kriminalität gestiegen ist. Denn die Zahl der Anzeigen im Drogenbereich ist stark davon abhängig, wie häufig die Polizei kontrolliert.

Trotzdem erregt die Zahl der Anzeigen alljährlich die meiste Aufmerksamkeit. Dabei hat eine oft übersehene Kennzahl, die Menge der pro Jahr sichergestellten Drogen, ebenfalls einiges zu bieten. 2015 zogen Polizisten über eine Tonne Marihuana aus dem Verkehr, 119 Kilo Kokain und 11.159 Tabletten Ecstasy – ein stattlicher Haufen.

Die 66,7 Kilogramm Amphetamin ("Speed") sind sogar der höchste Wert, der seit 2006 gemessen wurde. Auch solche Trends haben zum Teil mit der Schwerpunktsetzung der Polizei zu tun. Aber was passiert eigentlich mit den Unmengen von Drogen, die Polizisten den Dealern und Konsumenten jedes Jahr abnehmen?

Die kurze Antwort: Sie werden entsorgt. Klingt simpel, doch für den Staat die Vernichtung illegaler Substanzen ein bisschen aufwendiger, als für den gewöhnlichen Drogendealer. Mehrere Erlässe des Justizministeriums waren nötig, um das Prozedere so umwelt- und polizistenschonend wie möglich zu gestalten. Und um sicherzugehen, dass von der Ware nichts verschwindet.

Ein bisschen Hollywood

Es beginnt damit, dass irgendjemand auffliegt. Nach der Sicherstellung bringen die Polizisten ihre Beute meist in die nächste Außenstelle des jeweiligen Landeskriminalamts. Dort lagern sie in speziell ausgestatteten Räumen. Panzertüren, keine Fenster. „Das schaut aus, wie die vollen Lager in Hollywood-Filmen, nur ein bisschen ärmer“, sagt Vinzenz Kriegs-Au, der Sprecher des Bundeskriminalamts. Die Sicherheitsauflagen seien streng. Das soll verhindern, dass "nicht einfach ein Kilo fehlt. Das ist viel wert."

Weil sie als Beweismittel gelten, können die Stoffe oftmals nicht gleich vernichtet werden. Früher musste das gesamte sichergestellte Material aufgehoben werden. Laut einem der Erlässe des Justizministeriums kam es dabei immer wieder zu „Problemen“. Besonders die großen Fänge, erntereife Cannabis-Plantagen etwa, machten Polizisten zu schaffen. Nicht nur, weil im Panzerraum Platznot herrschen kann. Auch, weil frisch geerntete Cannabispflanzen zur Lagerung erst aufwendig getrocknet werden müssen. Ansonsten droht Schimmelbefall.

Sechs-Augen-Prinzip

Als Konsequenz wurde 2015 beschlossen, in solchen Fällen nur mehr „repräsentative Proben“ aufzuheben. Die Reise der sichergestellten Drogen geht weiter, wenn es zur Anklage kommt. Dann übernimmt das zuständige Gericht das Beweismaterial. Auch in Gerichtsgebäuden gibt es gesicherte „Verwahrungsstellen“.

Dort bleiben sie bis zum Prozessende. Laut Erlass sind die Drogen dann „der Vernichtung zuzuführen“. Aber auch das ist nicht so einfach. Zunächst warten die meisten Gerichte, bis sich eine größere Menge von Drogen bei ihnen angesammelt hat, um sie auf einmal zu entsorgen. Dann muss eine dreiköpfige Kommission gebildet werden, der ein Richter oder Staatsanwalt angehören muss. Sie ist im Sechs-Augen-Prinzip für die Vernichtung und ihre Überwachung zuständig.

Runterspülen verboten

Im Fall von Kokain und anderen Pulvern haben es die Beamten bei der Entsorgung schwerer als ihre Gegenspieler, die Dealer, die den Stoff im Notfall einfach in der Toilette wegspülen können. Polizisten und Justizbeamten ist das nicht erlaubt, auch wenn die Technik „vereinzelt praktiziert“ wurde, heißt es im Erlass. Der Grund: Drogen seien umweltschädlich und die Behörden haben sich an das Abfallwirtschaftsgesetz zu halten.

Stattdessen werden Mittel wie Marihuana auf ganz klassische Weise verbrannt. Wo genau das zu geschehen hat, ist nicht geregelt. Das Ministerium aber empfiehlt, es so zu machen, wie es sich in Wien seit Jahren bewährt: in Müllverbrennungsanlagen. In der Hauptstadt ist die MVA Spittelau die Anlage der Wahl, nur wenige Schritte vom Sitz des Bundeskriminalamts im 9. Bezirk entfernt.

Mit Gras heizen

Das berühmte Gebäude mit der markanten goldenen Kugel am Schornstein gestaltete einst der Maler Friedensreich Hundertwasser. Tausende Kilogramm Drogen sind hier bereits in Rauch aufgegangen. Die Beamten lassen die Ware unter Aufsicht händisch in den Kessel fallen. Das soll sicherstellen, dass auch in letzter Minute nichts mehr wegkommt.

Über Wasserrohre landet die Energie aus der Müllverbrennung schließlich als Fernwärme in Büros und Wohnungen. Man könnte sagen, dass 60.000 Wiener Haushalte im Winter mit Marihuana heizen. Ein bisschen, zumindest.