Die U6-Baustelle zieht bald weiter

Bis Anfang September ist die Station Josefstädterstrasse komplett gesperrt.
Foto: KURIER/Martin Gantner

140.000 Wiener hadern täglich mit der U6. Nur einer darf sich freuen: Zu Besuch bei Baustellenleiter Karl Siegl.

Was Besseres konnte ihm eigentlich nicht passieren. Wenn tagtäglich 140.000 Wiener und Pendler auf die zwischen Westbahnhof und Alser Straße gesperrte U6 verzichten und stattdessen auf andere Routen ausweichen müssen, dann hat Karl Siegel die U-Bahnstation Josefstädter Straße ganz für sich alleine.

Der gut gelaunte Baustellenleiter steht mit Helm auf dem Kopf unter freiem Himmel mitten auf den Gleisen und schwärmt - vom Jugendstil-Architekten Otto Wagner, der die Station vor 110 Jahren erbaut hat und von der schlichten und effizienten Bauweise der Gürtelstation. "Er verfügte über einen Weitblick, der bei heutigen Planungen oft fehlt", ist Siegel überzeugt. "Das Problem ist nur: Otto Wagner hat nicht isoliert".

Und da Wagner zwar an schlichte Eleganz gedacht, aber auf verkleidete Abwasserschächte verzichtet hat, muss die Station dieser Tage von Siegels Leuten 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche saniert werden. Über die Jahrzehnte sickerte immer mehr Regenwasser ins Gemäuer. Die Fassaden wurden brüchig und die Wiener Linien entschlossen sich über Nacht, die Strecke teilweise zu sperren.

140.000 Fahrgäste müssen deshalb nun Tag für Tag auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder die neue Straßenbahnlinie E benützen. Die Kaiserstraße wurde wegen zunehmender Staus kurzerhand zur Einbahnstraße erklärt und die Straßenbahnlinie 9 ob der Pendler massiv verstärkt.

Gefahr in Verzug?

"Von Gefahr in Verzug kann aber keine Rede sein", beteuert der 58-jährige Siegel und deutet auf eine kleine Ziegelmauer im Gleisbett. "Dieses Stück Mauer", wiederholt er immer wieder, jede einzelne Silbe betonend, "dieses Stück Mauer machte die Sperre notwendig."

Womit Siegel nicht rechnete: Die Sanierung ist nur möglich, wenn sich seine Arbeiter auf den Gleisen frei bewegen können. Ein kleines Stück Ziegelmauer muss durch ein Betonstück ersetzt werden.

Der 58-Jährige balanciert auf Holzstegen. Dort, wo noch vor wenigen Wochen Bahnsteige waren, liegen nur noch provisorische Bretterböden. Kabel hängen von der Decke, Gleise wurden entfernt und auf dem Boden liegt der Bauschutt. "An Orten wie diesem", sagt Siegel, "trifft das Alte auf das Neue, trifft Altbewährtes auf Hightech."

Zwischen den Zeiten

Seit einigen Wochen ist der gebürtige Steirer so gut wie jeden Tag an diesem Ort zwischen den Zeiten. "Zu Schulbeginn sollten die Züge die Station wieder durchfahren können", glaubt der Fachmann. Voraussichtlich im November können die Fahrgäste auch ein- und aussteigen. "Der exakte Zeitpunkt hängt vom Wetter ab. Wir benötigen trockene Verhältnisse", sagt Siegel. 2013 soll die Totalsanierung der Station dann abgeschlossen sein.

Schwermütig wirkt der Baustellenleiter deshalb nicht. "Als Nächstes nehmen wir die Station Burggasse in Angriff." Auch dort wird Siegel dem Architekten Wagner nahe sein. Zum Abschied hebt der kräftige Mann kurz den Helm ganz so als trüge er Frack und Zylinder: "Und schreiben Sie: Wir danken den Fahrgästen für ihr Verständnis. Das muss schließlich auch einmal gesagt werden."

(kurier) Erstellt am
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