Die Kultursprecher im Wahl-Check - Teil 1

Burgtheater und Festwochen-Eröffnung: Repräsentative Kultur und Eventkultur - aber wie sollte das Geld verteilt werden? Und was bleibt für kleinere Institutionen?
Foto: ORF/Ali Schafler

Sechs Parteien, fünf Fragen: Die Bewerber um das "Pipifax-Ressort" im KURIER.at-Interview über Wiens Kulturbudget und Musikschulen.

Im Wahlkampfgetöse um Türken-Comics und "Geilomobile" wurde wieder kaum ein Thema so stiefmütterlich behandelt wie die Kultur. Zwar machen diverse Künstler und Kulturmanager vor der Wien-Wahl am 10. Oktober für "ihre" Parteien Stimmung, aber eine wichtige Rolle spielt das beim "Kampf um das Rathaus" nicht. Christine Marek, ÖVP-Spitzenkandidatin, sprach in puncto Kultur sogar von einem "Pipifaxressort". Zumindest merkte die Öffentlichkeit durch diese Aussage, so könnte man sarkastisch anmerken, dass es das Ressort überhaupt gibt.
KURIER.at hat bei den Kultursprechern von SPÖ, ÖVP, FPÖ, die Grünen, BZÖ und KPÖ nachgefragt, welches Kulturkonzept sie verfolgen. Den ersten Teil der Antworten lesen Sie im Folgenden, in der Bilderstrecke finden Sie persönliche Kulturvorlieben der Kandidaten.

KURIER.at: Wie beurteilen Sie das Wiener Förderungssystem? Welchen Spielraum ermöglicht das derzeitige Kulturbudget?

Mailath-Pokorny (SPÖ): Das Kulturfördersystem in Wien ist transparent, differenziert und flexibel. Jeder Euro an Fördergeld wird mehrfach kontrolliert (Kulturausschuss, Stadtsenat, Gemeinderat) und im Kulturbericht dokumentiert. Für die Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksformen steht eine Vielzahl an unterschiedlichen Förderinstrumenten zur Verfügung. Dabei ist maximal 1/3 des Kulturbudgets - das übrigens innerhalb der letzten 10 Jahre um 40 Prozent erhöht wurde - durch mehrjährige Verträge, vor allem im Bereich der Darstellenden Kunst, gebunden, mit dem Ziel, den Theaterschaffenden Planungssicherheit zu gewährleisten. Gleichwohl sind wir ständig bemüht, das Fördersystem weiterzuentwickeln, etwa durch die Schaffung neuer zusätzlicher Förderinstrumente. Beispiele dafür sind die Jugendförderschiene "Cash for Culture" oder auch "netznetz.net", ein partizipatives Fördermodell, bei dem die Community selbst über Förderungen entscheidet.

Franz-Ferdinand Wolf (ÖVP): Wir bekennen uns zur Förderung von Kunst und Kultur aus öffentlichen Mitteln. Das bedingt eine transparente, nachvollziehbare Vergabe der Mittel und eine Kontrolle der Verwendung der Steuergelder. Daher verlangen wir einen jährlichen Subventionsbericht, der alle Förderungen ausweist - auch jene, die bereits im Vorfeld von der Kulturbürokratie abgelehnt wurden. Das Kulturbudget ist zu gut Zwei-Drittel gebunden - und durch die Vergabe von 47 Mehrjahresförderungen teilsweise bis 2014 zusätzlich im Spielraum eingeschränkt. Hier ist Handlungsbedarf.

Marco Schreuder (Die Grünen): Die bereits vorher fixen Vergaben sind das Hauptproblem des Wiener Kulturbudgets. Es bleibt für Neues, neue Freiräume und neue Projekte ganz einfach zu wenig Geld und somit zu wenig Speilraum übrig. Hier sehe ich ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit zwischen Groß und Klein, Alt und Neu sowie geographisch in der Stadt: Je näher zur Ringstraße, umso höher die Kulturförderung pro Quadratkilometer. Was nützen einem jungen Menschen etwa 1000 Euro Förderung von "Cash for Culture", so lange Proberäume unleistbar sind? Die Stadt muss daher mehr in selbstverwaltete Freiräume investieren - etwa temporäre Kunstnützung leerstehender Geschäfte, aber auch in die kulturelle Nahversorgung in den Außenbezirken. Das würde auch so manche graue Straße aufpeppen.

Heidemarie Unterreiner (FPÖ): Das derzeitige Fördersystem basiert sowohl auf Landes- wie auch auf Bundesebene auf der sozialdemokratischen Maxime: "das Kulturressort ist das Ideologieressort!" Das heißt, dass Positionen im Kulturbereich beinhart sozialistisch besetzt werden und Preise, Auszeichnungen, Aufträge, Projekte, Vorhaben und Förderungen an Personen verliehen bzw. vergeben werden, die mit "Zuckerbrot und Peitsche" von sozialistischen Kulturpolitikern in Abhängigkeit gehalten werden. Peinlich, geradezu beschämend ist es, wie zur Zeit fast alle Künstler vor der Wien Wahl einen Kniefall vor Häupl machen müssen (siehe www.stimmenfuerhaeupl.at) Diesen Kniefall darf man jedoch nicht den Künstlern ankreiden, denn hier geht es nicht nur um einen Karriereknick sondern um ihre Existenz. Das großzügige Wiener Kulturbudget an sich würde einen großen Spielraum erlauben, wenn Kunst und Kultur unabhängig von der Parteipolitik gefördert werden würde.

Michael Tscharnutter(BZÖ): Das derzeitige Förderungssystem ist aus unserer Sicht geprägt von Intransparenz und erweckt den glaubwürdigen Eindruck, dass immer nur eine bestimmte Gruppe von Kulturschaffenden davon profitieren. dazu kommt, dass in Zeiten knapper Budgets besonders das Kulturbudget Kürzungen unterliegt. Das BZÖ steht für Transparenz in der Förderungspolitik, d.h. dass auch jene Projekte veröffentlicht werden, die keine Förderung bekommen haben.

Dietmar Zach (KPÖ-Spitzenkandidat): Das derzeitige Fördersystem ist - so kritisiert die gesamte Rathaus-Opposition und dem schließe ich mich an - schwer durchschaubar.
Groß- und Mega-Events werden gefördert, alternative Kunst- und
Kulturansätze bleiben auf der Strecke. Alle mir zur Verfügung stehenden
Informationen weisen darauf hin, dass freie und unabhängige
Kulturinitiativen ausgehungert werden, sofern Sie sich nicht "den
Wünschen" der SPÖ-Kulturpolitik unterstellen.

Burgtheater und Festwochen-Eröffnung: Repräsentative Kultur und Eventkultur - aber wie sollte das Geld verteilt werden? Und was bleibt für kleinere Institutionen? Foto: ORF/Ali Schafler Burgtheater und Festwochen-Eröffnung: Repräsentative Kultur und Eventkultur - aber wie sollte das Geld verteilt werden? Und was bleibt für kleinere Institutionen?

KURIER.at: Wie sieht Ihr Konzept für die Wiener Musikschulen aus?

Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ): Wien sieht die musikalische Ausbildung bei Kindern und Jugendlichen primär als Bildungsaufgabe. Die Musikschulen sind deshalb bewusst auch im Bildungsressort angesiedelt. Derzeit gibt es an 29 Standorten in Wien Musikschulunterricht. Das Konzept der Musikschulen sieht jedoch vor, diesen Unterricht sukzessive in ganztägige Betreuungsformen zu integrieren. Damit soll sicher gestellt werden, dass möglichst viele Kinder in den Genuss einer Musikschulausbildung kommen. Die Musikschule kommt zu den Kindern und nicht umgekehrt. An insgesamt 20 Ganztagsschulen bzw. OVS sowie bei den Campus-Modellen gibt es bereits Kooperationen. Das Ziel ist der weitere Ausbau dieses Modells.

Franz-Ferdinand Wolf (ÖVP): Wir verlangen eine flächendeckende Versorgung Wiens mit Musikschulen, damit jedes Kind die Chance hat ein Musikinstrument zu lernen. Derzeit werden jährlich Hunderte Kinder abgewiesen. Derzeit gibt es nicht einmal in jedem Bezirk eine öffentliche Musikschule.

Marco Schreuder (Die Grünen): Die Grünen wollen eine modernisierte Musikschule pro Bezirk und ein erweitertes Angebot. Es sollen nicht nur vermehrt klassische Instrumente wie Klavier, Violine und Gitarre angeboten, sondern jungen Menschen auch ermöglicht werden Popmusik, Deejaying oder elektronische Musik zu erlernen und kennenzulernen. Musikschulen sollen zudem ein Ort der Integrationspolitik werden, denn Musik ist eine gemeinsam gesprochene Sprache. Ethnische Instrumente - die so genannte World Music - sollte daher ebenfalls angeboten werden.

Heidemarie Unterreiner (FPÖ): Seit vielen Jahren setze ich mich dafür ein, dass sowohl auf Landes- wie auch jetzt auf Bundesebene die dramatische Situation der Musikschulen in Wien verbessert wird. Angefangen von einer dringend notwendigen Erhöhung des Budgets für die Musikschulen der Stadt Wien, wie auch ein Ausbau der Musikschulen in den einzelnen Bezirken. Es ist mir wichtig, dass zumindest jedes Kind, das die Aufnahmeprüfung schafft auch einen Ausbildungsplatz bekommt. Die Zahlen in Oberösterreich und Niederösterreich beweisen, dass ein solcher kulturpolitischer Schwerpunkt die Möglichkeit schafft, dass Kinder kreativ sein können und ein musikalischer Nachwuchs für unsere großen Orchester gesichert bleibt. Wir fordern außerdem die Bereitstellung von Musikinstrumenten für Kinder aus sozial schwachen Familien; Sicherstellung von Begabtenförderungen; die verpflichtende musikalische Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Volkschullehrern, die es ermöglicht, Kindern didaktisch den Zugang zur Musik zu ebenen. Auch sollten praktizierende Künstler in den Unterricht eingebunden werden und eine durchgehende musische und bildnerische Erziehung in allen Schultypen gewährleistet sein.

Michael Tscharnutter (BZÖ): Flächendeckendes Angebot an Musikschulen, es muss jedem Kind möglich sein ohne große Probleme eine derartige Einrichtung zu erreichen. Außerdem auch Ausbau der Erwachsenenbildung. Das Angebot sollte über die Musikschulen auch auf Volksschulen ausgedehnt werden, wo am Nachmittag Musikunterricht stattfinden könnte.

Didi Zach (KPÖ): Existiert keines.


Eine Fortsetzung des KURIER.at-Wahl-Checks existiert demnächst.

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(KURIER.at / Marco Weise, Peter Temel) Erstellt am
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